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Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden : ein Beitrag zur romanischen Volkskunde
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wieder sieht man die Vase mit dreiteiligem Blumenstrauß( Taf. XXVI,Fig. 1, 2, 3), desgleichen die Darstellung der mythologischen Gestaltdes Greifs, ein Motiv, das bekanntlich weit über die Alpenländerhinausreicht. Auch der anderwärts gleichfalls verbreitete Doppeladlerfehlt nicht auf den Münstertaler Stickereien.( Taf. XXVI, Fig. 5) Daß indiesem schweizerischen Gebiete das frühere österreichische Reichs-wappen häufig als Ornament verwendet wurde, erscheint bei demregen Verkehr des Münstertales mit dem benachbarten Vintschgauganz begreiflich. Das Abwechseln eines Doppeladlers mit einer Tier-gestalt findet sich als eine, wie es scheint, beliebte volksmäßigeKomposition auch in russischen Stickereien, so zum Beispiel aufeinem Besatzstreifen in weißer Filetarbeit aus Wologda. Allerdingssind hier neben dem früheren russischen Reichswappen Pfaue undnicht, wie im Münstertal, Hirsche angebracht.¹)

Neben Motiven aus dem Pflanzen- und dem Tierreich kommen aufden Münstertaler Stickereien auch rein geometrische Ornamente, wiezum Beispiel der in der Volkskunst weitverbreitete achteckige Stern,vor. Dieser tritt entweder als selbständiges Motiv auf, ein Feld fürsich ausfüllend( Taf. XXVI, Fig. 6), oder er bildet bloß ein Glied vongroßen, verschieden kombinierten und sternförmig angeordnetenOrnamenten, so beispielsweise auf dem mit der Jahreszahl 1752 ver-sehenen, in Kreuzstich blau und rot gestickten Wochenbettvorhangaus Cierfs.( Taf. XXVI, Fig. 7.) Derartig ornamentierte, in Kreuzstichausgeführte Besatzstreifen sieht man besonders häufig auf Leintüchernoder Wochenbettvorhängen im Engadin; auch die in Filet gearbeitetenStickereien aus dem Engadin stimmen in Bezug auf ihre Muster mitdenen aus dem Münstertal so ziemlich überein.

Spinnrocken und Rockennadeln.

Das Leinen, auf dem die geschilderten Stickereien gearbeitetsind, wurde früher von den meisten Haushaltungen auf primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitivenWebstühlen selbst hergestellt. Dieser Zweig der Hausindustrie sowieauch die Tuchweberei sind gegenwärtig aus dem Münstertale wieaus den meisten übrigen bündnerischen Hoch tälern fast gänzlichverschwunden. Nur das Spinnen von Wolle und Flachs hat sich hierbis auf den heutigen Tag erhalten und an den langen Winterabendenpflegt noch die Münstertaler Hausfrau im Kreise ihrer Familie dasSpinnrad recht fleißig schnurren zu lassen. Der Brauch der gemein-samen Spinnabende wird in dieser Gegend nicht mehr gepflogen.

Während das Spinnrad keine lokalen Besonderheiten zeigt,sind die Spinnrocken( fourchetta) in Bezug auf ihre Form undVerzierung bemerkenswert.

Sie bestehen aus vierkantigen, 30 bis 60 cm hohen, aus einem Stück geschnitztenund bunt bemalten Holzstäben, in die oben 4 Zinken eingelassen sind. Die Anordnung

1) M. Haberlandt, a. a. O. S. 35, Fig. 5.