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Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden : ein Beitrag zur romanischen Volkskunde
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der betreffenden Alpgenossen im Dorfe aufeinanderfolgten. So wardie Pflichtabgabe ganz einfach und gut geregelt und jeder wußtegenau, wann an ihn die Reihe kam. Die Ablieferung des Brotes wurdejedes Jahr von einem anderen Alpgenossen eingeleitet. Sobald dererste Bauer das Brot gebracht hatte, wurde die» tessera« herbeigeholtund der Senne schnitt darauf die betreffende Brotmenge ein. Dabeibedeuteten: X= 10 Pf.,<= 5 Pf.,-= 1 Pf.( Taf. XXIII, Fig. 1 u. 2.)In den nächsten Tagen kamen dann die weiteren Brotlieferungen undso wurden die Zeichen eingeschnitten, bis die Rechnung stimmte.Entnahm ein Alpgenosse im Laufe des Sommers Butter, so wurde diesin gleicher Weise auf den seitlichen Kanten der» tessera«< verzeichnetund bei der endgiltigen Verrechnung von dem dem Besitzer zu-kommenden Anteil abgezogen.

Seit etwa 30 Jahren sind die» tessera« im Münstertal nicht mehrin Gebrauch und auch die Pflichtabgaben an Brot haben gänzlichaufgehört; dieses wird heute einmal wöchentlich beim Bäcker besorgtund auf die Alpe befördert.

Die» tessera«( in Wallis auch» tesseln«,» taille« genannt) warenfrüher in der Schweiz sehr verbreitet und sie wurden bekanntlich ¹)von den Bauern zu verschiedenen Zwecken gebraucht. Es ist mirjedoch aus keiner anderen Schweizer Gegend eine Parallele zu dergeschilderten Anwendung der» tessera« im Münstertal bekannt.

Die Abfahrt von der Alpe.

Man fährt Anfang Juli auf die Alpe und bleibt gewöhnlich biszum Schluß der Alpung auf der gleichen Höhe. Wanderungen voneiner Alpstaffel zur anderen, wie sie in vielen anderen HochtälernBrauch sind, entfallen im Münstertal durch die natürliche Beschaffen-heit der Alpen in dieser Gegend, die auf ein und derselben Staffelgenügend Weidegrund für die ganze Zeit der Alpung enthalten.

Gegen den 20. September findet die Abfahrt von der Alpe stattTags zuvor wird das Vieh ins Tal hinabgetrieben, wobei der Kuh,die am besten gestoßen( zendra genannt), sowie auch der, die ammeisten Milch gegeben hat, Stirnkränze aus Enzian und Edelweiß umdie Hörner geflochten werden.

Am Abend des gleichen Tages steigen zwei Alpenvorsteher zurSennhütte hinauf, um die Alprechnung zu machen, das heißt zu be-stimmen, wieviel von jedem Produkt im Durchschnitt auf 1 kg Milchentfällt.) Um Mitternacht bietet der Senne den Alpvorstehern den traditionellen» Rahmpult«( Rahmschmarren) und Kaffee an, dann wird die

1) F. G. Stebler: Die Hauszeichen und Teßlen der Schweiz. Schweiz. Archiv fürVolkskunde 1907.

L. Rütimeyer, a. a. O.

M. Gmür Schweizerische Bauern marken und Holzurkunden. Bern 1917.

1) Das alte Milchmaß, nach dem man früher im Münstertal rechnete, war 1 Neidia= 10 Pfund.

Wiener Zeitschrift für Volkskunde. XXVII. Ergänz.- B. XIV.

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