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Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden : ein Beitrag zur romanischen Volkskunde
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Ursprünglich trieben die Bauern das Vieh in den Hof hinaus, damit es besser dieGnade des Segens empfangen könnte; heute gibt es in Bessans nur mehr einige alteLeute, die an dieser Sitte festhalten. Die meisten begnügen sich damit, im Augenblick,da der Segen vor der Kirche ausgesprochen wird, die Stalltür zu öffnen. Vertreter derjüngeren Generation tun auch dies nicht mehr und behaupten, daß, wenn der Segen Kraftgenug habe, um aus solcher Entfernung durch die offene Tür in den Stall zu dringen,werde er auch durch eine geschlossene Tür hineingelangen. Wir sehen hier also ein inter-essantes Beispiel, wie sich ein Brauch im Laufe der Zeit allmählich vereinfacht, bevor erendgiltig verschwindet.

Das, was oben über das Einsegnen der Haustiere gesagt wurde, bezieht sich aufBessans selbst, denn in den Weilern hat die alte Sitte keinerlei Veränderung erfahren.Der Pfarrer kommt am Kirchweihfest in jeden Weiler und segnet nach der Messe dasganze Vieh, das vor der Kirche zusammengetrieben wurde, ein.

Der Brauch, dem Vieh nach dem Segen geweihtes Brot zu geben, hat in Bessansfrüher nicht existiert und wurde erst 1914 vom Pfarrer eingeführt.

Das Einsegnen von Vieh auf der Alpe.

Heutzutage wird in Bessans das auf den Alpen weidende Viehnicht mehr eingesegnet; jedoch bis vor etwa 20 Jahren wurde denim Ribontale weidenden Herden jedes Jahr ein feierlicher Segen erteilt.

Am zweiten Sonntag nach dem Aufstieg auf die Alm wurde in der St. Anna-Kapelle( Alpe Pierre Grosse) eine Messe gelesen und dann segnete der Pfarrer ausder Entfernung das ganze im Gebirge zerstreute Vieh. Am nächsten Sonntag kam er wiederin Begleitung des Mesners hinauf, um Butter abzusammeln. Der Pfarrer bekam von jederFamilie mindestens 1 kg Butter, der Mesner einen Magerkäse. Dafür gab der Pfarrer jederFrau, welche die Milchwirtschaft besorgte, Stecknadeln und 2 m bunte Borte, die beimalten Kostüm zum Schnüren des Leibchens verwendet wurde.

Die oben beschriebene Sitte, der wir beinahe in allen Gemeinden der HohenMaurienne begegnen, verschwand in Bessans, als die St. Anna- Kapelle, in der man dieMesse zu lesen pflegte, baufällig wurde. Die Sitte des Alpsegens ist in den Alpenländernweit verbreitet, so finden wir sie- um nur ein Beispiel anzuführen im Val d'Anniviers( Wallis, Schweiz), wo der Geistliche für die Erteilung des Alpsegéns von jedem Bauerneinen Laib Käse bekommt; man nennt diese Gaben, prémices". Nach Jegerlehner ¹) warendiese Prémices einst im ganzen Wallis verbreitet und stammen von den Zinsen, die früherin Silber oder Papiergeld für Benützung der herrschaftlichen Weiden entrichtet werdenmußten.

3. Sitten und Bräuche des religiösen Lebens.

Einige kirchliche Festtage, wie zum Beispiel der Antoniustag,der Johannestag, Maria Himmelfahrt, werden in Bessans mit besondererAndacht gefeiert und gewisse Bräuche, die mit diesen Feiertagen inZusammenhang stehen, scheinen alten Ursprunges zu sein.

Weihnachten.

Mit Ausnahme der in Bessans selbst komponierten Weihnachts-lieder( Cantates), die bei der Weihnachtsmesse im Patois gesungenwerden, und der gemeinsamen Rodelfahrt nach der Mitternachtsmessegibt es zu Weihnachten in Bessans nichts Bemerkenswertes. Manzündet hier keine Holzscheite an und es gibt auch keine Frühmesse.

1) J. Jegerlehner: Das Val d'Anniviers. 1904.