Dies bezieht sich auf folgenden Brauch:
Sobald der Kranke die letzte Ölung empfangen hat, wird das Kruzifix, das in seinemZimmer steht, mit einem Stück weißer Leinwand bedeckt. So lange dieses, verschleierte Kreuz"neben dem Kranken steht, muß jeder, der ihn besucht, fünf Paternoster und fünf Ave beten.Stirbt der Kranke innerhalb von 9 Tagen nach der heiligen Ölung, dann wird dasverschleierte Kreuz von einem der, armen" Mädchen bei seinem Begräbnis getragen; stirbter später, so läßt man das Kruzifix zu Hause. Wird der Kranke gesund, so bleibt dennochdas Kruzifix 9 Tage nach der heiligen Ölung in seinem Zimmer verhüllt stehen.
Es gibt in Bessans alte Leute, die daran glauben, daß ein Kranker, der die Sterbe-sakramente empfangen hat, auch wenn er ganz gesund wird, 9 Tage lang das Kranken-zimmer nicht verlassen darf.
Nach der Totenmesse nimmt man das weiße Zeug von dem Kreuze ab und legt dieLeinwand auf die Bank, auf welcher der Sarg gestanden hat. Der Mesner in Bessans, clerc" genannt nimmt die Leinwand mit zum Friedhof und bringt sie nach derBestattung in die Sakristei zurück, wo sie liegen bleibt, um dem Pfarrer beim Lesen derNovenne als Handtuch zu dienen.
Verschiedene Arten von Bestattung. Neben dem normalen Ritualeund den oben beschriebenen Bräuchen finden wir gerade beim Begräbnis die Tendenz,durch gewisse Vorgänge das Alter und das Geschlecht des Verblichenen zu bezeichnen.
Beim Begräbnis eines jungen Mädchens zum Beispiel ist es Sitte. daß die jungenMädchen, die den Sarg tragen, und die armen Kinder", die der Toten das Geleite geben,weiße Hauben, schwarze wollene Schürzen und Schultertücher aus weißem, schwarzgemusterten Baumwollstoff tragen. Hat die Verstorbene einer Kongregation angehört,so stecken sich ihre Gefährtinnen hellblaue Bänder an die Schultertücher.
Die jungen Mädchen bringen ihrer verstorbenen Freundin einen Kranz aus künst-lichen Blumen als letzte Gabe dar; dafür bekommen sie von den trauernden Eltern einekleine Geldspende. Diese Sitte, die ehemals in Bessans allgemein verbreitet war, ver-schwindet in der letzten Zeit immer mehr.
Vor 20 bis 30 Jahren war es Sitte, an die Bahre eines jungen Mädchens vier roteTaschentücher anzuknüpfen und diese nach der Bestattung den vier Sargträgerinnen zuschenken.
Zur Zeit, als die großen Kerzen Johannes des Täufers, die seit einigen Jahrenverboten sind, noch im Gebrauch waren, wurden auch beim Begräbnis eines jungenMädchens oder eines Jünglings sechs bis acht solcher Kerzen getragen. Die Kerzen wären,wie ich glauben möchte, ein Symbol der Unberührtheit der Verblichenen, da sämtlicheMitglieder der Bruderschaft des heiligen Johannes unverheiratet sein müssen. Die Elterndes Verstorbenen gaben jedem Träger 1 Franc für seine Mühe und zahlten außerdem3.60 Francs für jedes Paar Kerzen; dieses Geld fioß in die Kassa der Bruderschaft.
Beim Begräbnis einer verheirateten Frau wird der Sarg von Frauen getragen, beimBegräbnis einer Witwe von Witwen.
Man bestattet heutzutage sowohl Männer als Frauen und Mädchen in Sonntags-kleidern; vor 15 bis 20 Jahren setzte man Frauen die weiße Hochzeitshaube( scuffia),jungen Mädchen die Kommunionshaube auf; noch früher wurde der Leichnam einfach inein dickes Leintuch eingenäht.
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Stirbt ein Kind unter sieben Jahren, so wird ein sogenanntes Engeleinbegräbnis"veranstaltet. Eltern, Paten und Verwandte kamen zu diesem Begräbnis noch vor wenigenJahren in Hochzeitstracht- heute tragen alle, mit Ausnahme der Patin, Sonntagskleider.Der Pate trägt den kleinen mit Blumen geschmückten Sarg zur Kirche, die Patingeht neben ihm einher und das ganze Begräbnis wird wie eine Taufe gefeiert. 1)
1) Eine ähnliche Sitte finden wir im Stubaital( Tirol). Der Tod eines kleinen Kindeserweckt mehr Freude als Trauer. da es ja zum Himmel emporfliegt und ein Engele nwird". Paul Greusig, Sage und Brauch aus dem Stubaital". Zeitschrift des Vereines fürVolkskunde, 1893, S. 176. Auch in Chamonix( Hochsavoyen) begegnen wir demselben Brauch.