Druckschrift 
Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden : ein Beitrag zur romanischen Volkskunde
Entstehung
Seite
54
Einzelbild herunterladen
 

54

20 bis 40 Francs gezahlt. Wird dieser Tribut trotz des, Charivari" verweigert, dann greiftdie Jugend zu einem radikaleren Exekutionsmittel. Man macht zwei Strohpuppen( patafiu),die das Brautpaar vorstellen sollen, setzt sie in einen Karren, spannt einen Esel vor undführt sie unter Gesang, Lachen und Scherzen in den Strassen von Bessans herum. Dazuwird mit Kochgeschirren, Deckeln, Kuhglocken etc. eine Katzenmusik gemacht, die be-sonders lebhaft wird, wenn man sich dem Hause der Braut oder des Bräutigams nähert.Dieser Höllenlärm dauert so lange, bis das begehrte Lösegeld bezahlt ist.

Begräbnis.

Bei der Zeremonie der Toten bestattung finden wir in Bessanseinige alte und relativ seltene Bräuche, die im folgenden kurz be-sprochen werden sollen.

Die Totenbestattung. Am Vortage der Bestattung geht man zur Zeit desSonnenunterganges in die Kirche, um die Totenvesper zu singen.

Am Tage der Bestattung, unmittelbar bevor der Leichnam weggeführt werden soll,versammeln sich die Trauergäste im Hofe des Trauerhauses und einer der nächsten An-gehörigen des Verstorbenen, ein Freund oder ein Nachbar bietet den Anwesenden Schnapsund Likör an. Niemand darf das Getränk( chiquet) abschlagen; man trinkt, bis der Pfarrerkommt. Dann wird ein Gebet gesprochen und der Trauerzug begibt sich zur Kirche.

Männer, Frauen und junge Mädchen schreiten im Sonntagsstaat paarweise einher.Jede Familie muß unbedingt mindestens durch ein Mitglied vertreten sein; sind die Er-wachsenen verhindert, zum Begräbnis zu kommen, so wird ein Kind geschickt. Hat derVerstorbene einer Brüderschaft angehört, so nehmen auch deren Mitglieder im Bruder-schaftsgewand an dem Trauerzug teil. Ein Verwandter des Verstorbenen verteilt unterdie Anwesenden Kerzen, die man in der Kirche anzündet und nach Beendigung der Trauer-andacht wieder auslöscht.

An der Spitze des Leichenzuges, neben dem Geistlichen und dem Vorsänger geheneinige Kinder, die den Kopf mit einem weißen Tuch verhüllt haben; die Knaben haltendabei den Hut in der Hand, die Mädchen tragen das Tuch über der Sonntagshaube.( Taf. X, Fig. 1.)

Diese eigenartige Kindergesellschaft führt nun einen Jahrhunderte alten Brauch aus,der auch in den übrigen Gemeinden der Hohen Maurienne gepflegt wird und in folgendembesteht: Die Familie des Verstorbenen wählt unter den Kindern von Verwandten und Freundenvier bis sechs Knaben und Mädchen im Alter von 6 bis 11 Jahren, die mit der oben er-wähnten Kopfbedeckung den Leichnam zum Grabe geleiten. Man nennt diese Kinder, lespauvres( die Armen) und zahlt den Eltern 4 Francs für jedes Kind, um, wie sich dieBessaner ausdrücken, die Armen zu bekleiden". Dieses Geld wird tatsächlich als eineArt wohltätige Spende betrachtet, die man für das Seelenheil des Verstorbenen darbringt.Früher wurden dazu wirklich arme Kinder und Frauen bestimmt; folglich konntedas unter sie verteilte Geld tatsächlich als Almosen angesehen werden. Nach undnach ist man von dieser Sitte abgekommen und jetzt sind es Kinder entfernter Ver-wandter, die das Amt bekleiden und infolgedessen das Geld bekommen:

Die pauvres haben auch die Pflicht, der Novenne" beizu wohbnen und behaltenwährend des Gottesdienstes ihre weiße Kopfbedeckung.

Nach mündlicher Mitteilung von Herrn Prof. A. van Gennep wäre dieser Brauchmöglicherweise als ein Überrest der aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammendenBruderschaften des heiligen Geistes, des heiligen Sakramentes etc. zu betrachten.

"

Vor 20 bis 30 Jahren kannte man die Sitte der Armen" auch in Hochsavoyen( Chamonix, La Roche, Bonneville).

Eines der, armen Kinder", gewöhnlich ein Mädchen, trägt in Bessans währenddes Begräbnisses ein Kruzifix, das mit einem Stück weißer Leinwand bedeckt ist.( Taf. X, Fig. 1.)