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Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden : ein Beitrag zur romanischen Volkskunde
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Diese traditionelle Ordnung des Hochzeitszuges wird immer strengstens eingehaltenund die kleinste Neuerung in dieser Beziehung würde eine wahre Revolte in der ganzenGemeinde hervorrufen.

Nun begeben sich alle ins Haus der Braut oder in ein Gasthaus, wo das auf Kostendes Bräutigams gegebene Hochzeitsmahl stattfindet.

Die Braut, die ihren Platz zwischen den Eltern des Bräutigams hat, beginnt währendder Mahlzeit zu singer, die anderen folgen ihrem Beispiel und bald macht die bis dahinherrschende ernste Stimmung fröhlicher Unterhaltung Platz. Man trinkt, singt und plaudertbis zum Abend. Kurz vor dem Abendessen verschwinden die Frauen und Mädchen einenach der anderen, um bald in einfacherer Kleidung wiederzukommen. Die sparsamenBessanerinnen schätzen ihre Hochzeitskleider und vor allem ihre weißen Häubchen zusehr, um Gefahr laufen zu wollen, daß sie beim Tanz beschmutzt oder zerknittert werden.Sie gehen also schnell nach Hause, ziehen das Sonntagskleid an und kehren dann zurück,um die ganze Nacht bei Tanz, Wein und Musik zuzubringen.

Die Bessaner, die bei der Arbeit ernst und verschlossen sind, ändern sich ganz,wenn es zur Unterhaltung geht. Da werden sie gesprächig, galant, oft kindlich ausge-lassen, ohne daß jedoch dieser Übermut rohe Formen annähme. Sie verstehen es wohl,zur rechten Zeit aufzuhören, und sollten sie sich einmal vergessen, so werden sie vonden Frauen auf eine energische Art zurechtgewiesen.

Die Hochzeitsfeier dauert nur einen Tag; der Brauch der sogenannten, repetailles", das heißt der genauen Wiederholung der ganzen Feier am darauffolgendenSonntag, der zum Beispiel im Tal der Tarentaise üblich ist, hat in Bessans nie bestanden.Nach der Hochzeit, die gewöhnlich an einem Donnerstag stattfindet, bleibt diejunge Frau noch einige Tage bei ihren Eltern und begibt sich erst am Montag ins Hausihres Gatten.

Ist die Familie des Mannes zahlreich, so richten sich die Neuvermählten einenselbständigen Haushalt ein, sonst ziehen sie zu den Eltern des Mannes, zumal wenn dieseschon bejahrt sind.

Die Barriere" und die" Badauche". Es kommt manchmal, wenn auchselten, vor, daß ein junges Mädchen in ein anderes Dorf heiratet, nach der Hochzeit alsoihre Heimat verlassen muß. Dann ist es Sitte, daß an dem Tage, an welchem der jungeEhemann seine Frau heimführen soll, Burschen und Mädchen sich am Ausgange desDorfes auf der Arcbrücke versammeln und den Weg mit einem roten Band versperren.

Neben dieser, Barriere" wird ein Tisch mit Wein, Schnaps und verschiedenenLeckerbissen aufgestellt; die Neuvermählten sollen, bevor sie das Dorf verlassen, nocheine vergnügte Stunde mit ihren Freunden zubringen und von ihnen bewirtet werden.

Wenn es dann endlich Zeit wird, von der Heimat Abschied zu nehmen, schneidetdie junge Frau mit einer Schere das rote Band in der Mitte durch, behält die eine Hälfte,die andere aber gibt sie den Freunden, von denen sie sich jetzt trennen muß. Der jungeEhemann bezahlt für das Freimachen des Weges ein Goldstück( 10 bis 20 Francs), daser auf den Tisch legt und das zum weiteren Zechen verwendet wird. ¹)

Verweigert er die Zahlung dieser Summe, so kann er dazu gezwungen werden.Die ganze Gesellschaft stimmt dann einen entsetzlichen Lärm( charivari) an und hört nichtauf, bevor der verlangte Betrag gezahlt ist.

Man macht auch ein Charivari, wenn ein Witwer oder eine Witwe heiraten, undzwar begegnen wir diesem Brauch nicht nur in Savoyen, sondern auch in den anderenAlpenländern( Schweiz). Heiratet ein Witwer, so sind es die Burschen, heiratet eine Witwe,so sind es die Mädchen, die dieses Höllenkonzert aufführen. Gewöhnlich wird bald nachder Verkündigung der Verlobung in der Kirche das obligate Lösegeld im Betrage von

1) Man findet diese Sitte des Bänderspannens auch in den anderen Ortschaften derMaurienne, der Hohen Tarentaise und in einigen Gemeinden von Hochsavoyen. Übrigensist die Sitte, den Neuvermählten auf die verschiedenste Art- durch Feuer, Stein haufen,Bander etc. den Weg zu versperren, auch außerhalb Frankreichs sehr verbreitet und wirbegegnen ihr sowohl bei romanischen als auch bei slawischen und germanischen Völkern.