Druckschrift 
Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden : ein Beitrag zur romanischen Volkskunde
Entstehung
Seite
41
Einzelbild herunterladen
 

41

Erst gegen

Heuernte. Geräte zum Binden von Heu.Mitte Juli beginnt in Bessans die Heuernte, die hier nur einmal statt-findet. Um diese Jahreszeit kann man schon am frühen MorgenScharen von Bessanern sehen, die, mit Sensen, Rechen und Heu-gabeln ausgerüstet, auf Eseln in die Felder hinausziehen. Die Frauen,die im Herrensattel ohne Steigbügel reiten und das Tier mit denBeinen antreiben, sehen ganz vorteilhaft aus und es liegt etwas Stolzesin ihrer geraden Haltung.

Oft reitet man zu zweit; bald sitzt dabei die Frau, bald derMann hinten auf. Manchmal bemerkt man auch ein Kind, das sichan dem Rücken der Mutter anklammert und so die Eltern zur Feld-arbeit begleitet.

Die kleinen Esel sind ein ausgezeichnetes Verkehrsmittel fürdas Hochgebirge, wo die schmalen, steilen Saumwege mit dem Karrengar nicht befahren werden können. In keiner Gemeinde der HohenMaurienne findet man aber so viele Esel wie in Bessans. ¹) JederBauer besitzt zumindest einen und reitet immer darauf zur Feldarbeit.Auch werden diese Tiere dazu benützt, das Heu auf unfahrbarenWegen zu befördern. Man macht zu diesem Zwecke große Heubündel( trousses), die 150 bis 200 kg wiegen und mit einem speziellen Gerät( cordess) zusammengebunden werden. 2)( Taf. VI, Fig. 6.)

, Cordess" besteht aus zwei zirka 150 cm langen Holzstäben( baron), die an jedemEnde zwei Einschnitte haben. Durch die seitlich in die Stäbe gebohrten Löcher ist eineSchnur( telles) so gezogen, daß die Entfernung zwischen den beiden Stäben zirka 2 mbeträgt. Außerdem sind noch zwei Stricke( carros) an einem der Stäbe befestigt.

Um das Heu zu binden, breitet man das Gerät auf dem Boden aus und häuft dasHeu ungefähr 1 m hoch auf. Dann heben zwei Personen die Stäbe und pressen dasHeu zusammen, indem sie die beiden Stricke( carros) mehrmals um die Einschnitte derStäbe wickeln.

Das fertige Heubündel( trousse) wird quer auf den Packsattel eines Esels geladenund wird während der Beförderung von einer Person im Gleichgewicht erhalten. Eineandere Person, die den Esel führt, schreitet voran, und so kommt man auch auf ab-schüssigen schmalen Pladen vorwärts.

Früher war das hier die einzige Art der Heubeförderung; heute ist sie nur mehrauf Saumpfaden üblich. Sonst pflegt man ein oder mehrere Heubündel auf einen zwei-rädrigen Wagen( carejn) zu laden und von einem Esel zum Bestimmungsort ziehenzu lassen.

Einige Tage, nachdem die Heuernte unten im Tale beendet ist,beginnt man, gegen den 5. August, mit dem Mähen der ausgedehntenWiesen vor Traverole und Carrelay, die sich auf einer Terrassezirka 50 m oberhalb Bessans ausbreiten.

Auf diesen Matten sind die Besitzungen der Bauern voneinander nicht abgetrennt.Um nun dem eventuellen Schaden, der durch Überschreiten noch nicht gemähter Wiesen-parzellen angerichtet werden könnte, vorzubeugen, wurde der alte Brauch des Flur-

Das ist eine Beobachtung, die schon Ardouin- Dumazet in seinem Buch: Voyageen France, Paris 1897, S. 123, gemacht hat.

2) Dasselhe Gerät ist auch in der übrigen Maurienne sowie im benachbarten Piemontverbreitet.