Druckschrift 
Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden : ein Beitrag zur romanischen Volkskunde
Entstehung
Seite
29
Einzelbild herunterladen
 

29

Der Stall, der nur während der kältesten Monate von der ganzen Familie bewohntwird, ist gewölbt und keineswegs so wohnlich gestaltet wie in Bessans oder Bonneval.Ein oder zwei Holzbetten( keine Kastenbetten!), ein Tisch, eine Bank werden mittenim Stalle aufgestellt, so daß keine Trennung zwischen Stall und Wohnraum für Menschenbesteht.

Daß man aber in derartigen Stallwohnungen keine großen Ansprüche auf Behaglich-keit und Reinlichkeit erheben darf, zeigt schon der Umstand, daß der Kuhmist denganzen Winter darin gelassen und erst im Frühling hinausbefördert wird.

In diesem Abschnitt sollten nur einige Typen der Stallwohnungenin Savoyen mit denen der benachbarten Gebiete kurz verglichenwerden. Das gemeinsame Hausen von Mensch und Vieh in einemungetrennten Raume kommt ja nicht allein in den Westalpen vor,sondern bildet eine in der ganzen Welt verbreitete Erscheinung,deren letzte Spuren in Europa bereits im Verschwinden begriffensind. Daher wäre es vielleicht an der Zeit, diese primitive Glossar ::: zum Glossareintrag  primitive und alter-tümliche Wohnweise einem vergleichenden Studium auf Grund eigenerBeobachtung und Bearbeitung des bereits veröffentlichten Materialszu unterziehen.

IV. Der Hausrat.

Der Schilderung des Interieurs konnte man bereits entnehmen,daß die Einrichtungsgegenstände des Bessaner Hauses keineswegszahlreich und mannigfaltig sind, was bei der noch durchaus primi-tiven Glossar ::: zum Glossareintrag tiven Hausanlage auch ganz begreiflich erscheinen wird.

Verbreitungsgebiet des Kastenbettes. Das wichtigsteMöbelstück der Stallwohnung bildet das Kastenbett, das schon früherausführlich beschrieben wurde; hier sei nur noch sein Verbreitungs-gebiet kurz besprochen.

Das Kastenbett kommt außer in der Hohen Maurienne auch in einigen seit-lichen Hochtälern der Mittleren Maurienne, wie Valloires, Vallée de St. Colomban, Valléedes Arves, vor.1) Auch in der Hohen Tarentaise, dem Paralleltal der Maurienne,wo zum Teil eine der Bessaner ähnliche Hausanlage besteht, fand ich die gleichenKastenbetten. Bei Besprechung der weiteren Verbreitung des Kastenbettes stütze ich michauf diesbezügliche Ausführungen von Dr. A. Haberlandt.2)

Das bretonische Kastenbett, das bis auf den heutigen Tag die altertümlicheForm vielfach bewahrt hat, weist viel Ähnlichkeit mit dem Bessaner Typus auf. Es ist,wie in Bessans, ein- oder zweistöckig gebaut und erhebt sich in ersterem Falle über einerbankartigen Kleidertruhe, die, wie der truhenartige Heubehälter in Bessans, als Sitz-gelegenheit dient.

Wie in Bessans, kann ferner die Einstiegöffnung des Bettes durch zwei auf Nutenhorizontal gleitende Schiebefenster aus Holz geschlossen werden. Während aber in derBretagne die Vorderwand des Bettes und die Truhenbank häufig mit Schnitzerei verziertsind, kommt dies in Bessans nirgends vor.

Das zweistöckige Kastenbeit ist sowohl in der Bretagne wie in Bessans verhältnis-mäßig späten Datums und besitzt hier wie dort keine Schiebefenster. Der barocke Aus-schnitt der Einstieg öffnung und des Füllrahmens auf dem bretonischen Bett ist auch aufdem Bessaner angedeutet; hingegen fehlt die in der Bretagne übliche Verzierung ausMessingnägeln.

1) Leandre Vaillat: Le cœur et la croix de Savoie. Paris 1914. S. 187.

2) Dr. A. Haberlandt: Beiträge zur bretonischen Volkskunde. Wien 1912. S. 10-12.