Druckschrift 
Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden : ein Beitrag zur romanischen Volkskunde
Entstehung
Seite
27
Einzelbild herunterladen
 

27

von beiden schon durch eine Wand abgetrennt. Die Differenzierung zwischen Wohnraumund Stall beginnt sich insofern geltend zu machen, als letzterer nur im Winter allgemeinbewohnt ist, während im Sommer immer mehr die im Erdgeschoß neben der Scheuneangebauten Zimmer zum Schlafen benützt werden.( Taf, III, Fig. 2, c, d.)

Die Hausanlage von Bessans ist in Lanslevillard getreulich wiederholt; hierwird jedoch die Stallwohnung im Winter nur noch ausnahmswe se bewohnt. In der über-wiegenden Zahl der Fälle dienen Sommerstuben im Erdgeschoß als Dauerwohnung.

3. Das Haus von Lanslevillard zeigt die vorgeschrittenste Hausanlageder Hohen Maurienne, die insofern von den geschilderten Haustypen abweicht,al's die Stall- und Wohnräume bereits in verschiedenen Geschossen gelegen sind; dieKüche befindet sich neben den Stuben.( Taf. III, Fig. 2, e, f.)

Obwohl die bauliche Trennung von Stall und Wohnraum in all diesen Gemeindenvollständig durchgeführt worden ist, hat sich dort dennoch die Gewohnheit erhalten, dieWinterabende im Stall zu verbringen.

Wenn zwischen diesen Haustypen der Hohen Maurienne auch keine prinzipiellenUnterschiede bestehen, so muß dennoch die Frage nach ihrem genetischen Zusammenhangaus Mangel an Beweismaterial vorderhand dahingestellt bleiben. Daß aber in jenem Gebietder Hohen Maurienne, in dem heute der dritte Haustypus herrscht, ursprünglich im Winterwenigstens, der menschliche Wohnraum vom Stall nicht getrennt war, das beweist vielleichtdie noch heute hier allgemein verbreitete Gewohnheit, Winterabende im Stall zuverbringen, eine Gewohnheit, die sich als Rudiment des ehemaligen gemeinsamen Hausensvon Mensch und Vieh ansehen läßt.

Mittlere Maurienne.

Was den übrigen, speziell den mittleren Teil der Mauriennebetrifft, so sollen nach Mitteilungen der Bessaner in den hochgelegenenQuertälern( Vallée des Arves, Vallée des Villards) gleichfalls Stall-wohnungen verbreitet sein. Die auf die Maurienne sich beziehendenReise werke übergehen gewöhnlich dieses Kapitel mit Schweigen.

Am meisten erfährt man noch darüber aus der Arbeit von Léandre Vaillat, der ichauch die folgende Schilderung des Hauses in der Vallée des Arves entnehme¹): Lesbêtes et les gens vivent ensemble dans la même pièce, séparés seulement par une rigole s'écoule le purin. D'un côté les vaches, les boeufs, les moutons, rangés devant lerâtelier ou couchés dans la paille; de l'autre, au fond, contre le mur plein, épais, surlequel la tourmente n'a aucune prise, les lits pareils à des armoires, à des niches carréesou suspendues comme les couchettes d'un navire à des piliers de bois."

Tarentaise.

In den zwei letzten und am höchsten gelegenen Gemeindender Tarentaise, des Paralleltales der Maurienne( Vald'Isère und Tignes), besteht eine der Bessaner ganz ähnliche Haus-form. Auch die Bauart ist so ziemlich die gleiche, mit dem einzigenUnterschiede, daß das Haus in den soeben erwähnten Gemeinden inder Regel nicht wie in Bessans wohngrubenartig angelegt ist.

Wir finden in der Tarentaise die gleiche Einteilung und Einrichtung der Stall-wohnung wie in Bessans. Dadurch aber, daß dieser Raum sich gewöhnlich im Erdgeschoßbefindet, ist er viel heller und höher als dort; auch wird hier für die Behaglichkeit,Reinlichkeit und Ventilation der Stallwohnung mehr Sorge getragen als in Bessans. DieWände sind fast durchwegs gezimmert, der Mist wird jeden zweiten Tag entfernt undzur Lüftung dient außer dem Kamin noch eine kleine Öffnung in der Wand( soupirail

1) Léandre Vaillat: Le cœur et la croix de Savoie. Paris 1914. S. 187.