Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde18 (1912) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
Jahrgang 
18 (1912) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Ethnographische Chronik aus Österreich.

ununterbrochener Reihenfolge 25, 30 und mehr Jahre geritten waren.

Viermal hält derTroß bei Feldaltären, wo ein Priester die Evangelien liest. In Steinbühl ist Hochamt, umdie Kirche fröhliches Lagerleben; in weitem Kreise herum die rastenden Pferde. DieEichentür der Nikolauskirche ist mit Hufeisen in allen Formen und Größen von oben bisunten benagelt.

Schon vorher war zwischen Pfarramt und Magistrat über die Auswahl des dies-jährigen Pfingstbräutigams beraten worden. Dieser wieder hat eine tugendsame Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfrauzur Pfingstbraut erwählt und die armen Schulschwestern eines nahen Klosters stellten dasaus Gold- und Silberfäden fein gewundene Pfingstkränzchen her, das dem Bräutigam ver-liehen werden soll. Gar mancher Bürgerssohn mag ein loser Junge sein, aber dasKränzel, das Kränzel" bringt ihn zur Besinnung. Wie leuchtete vor einigen Jahren dieBegeisterung aus den Augen des mehr ats achtzigjährigen ehr- und tugendsamen Jüng-lings", der nach 65 Jahren zum zweitenmal auf dem Festplatze zur besonderen Ehrungerscheinen durfte.

Unter dem Donnern der Böller, dem Läuten der Glocken und Musikschall. heuerwar die Chevaulegers- Bande von Straubing aufgeboten worden- hält die seltsameProzession am frühen Nachmittag ihren Einzug. Ein Geistlicher predigte von seinemSitze hoch zu Roß von Gottesfurcht, Bürgertugend und Vaterland, worauf er demBräutigam das Kränzchen überreichte. Einige Jubilare wurden durch Überreichung vonEhrenbannern ausgezeichnet, die sie bei späteren Ritten mitführen dürfen. ¹)

Um 5 Uhr nachmittags würde die Pfingstbraut abgeholt. Dann begann der Tanz,Über die Entstehung dieses Pfingstelrittes bietet die Geschichte keine sicherenAnhaltspunkte. Gewiß hat der alte Brauch seine Entwicklung durchgemacht, ähnlich wieein Volkslied.

Die Volksüberlieferung erzählt: Um 1410 herrschte um Kötzting eine verheerendeSeuche unter den Pferden, zu deren Abwendung, nach anderen zum Danke für derenAbwendung diese Prozession gestiftet worden sein soll. Nach der dem Volke geläufigstenDeutung hätten die Bürgerssöhne den nach Steinbühl zu einem Kranken reitenden Geist-lichen im damaligen Urwald vor Räubern und wilden Tieren errettet und sich so dieEhrung verdient. Die Hochzeit wird zurückgeführt auf den Liebesroman eines schönenPflegertöchterleins oder gar eines bayrischen Herzogs. Sie soll erst seit 200 Jahrenbestehen."

Johann Brunner, Seminarlehrer in Cham, einer der tüchtigsten Volkskundler Bayerns,schreibt hierüber: 2)

"

Als Dokument, daß der Brauch, wie er jetzt durchgeführt wird, auf ein so hohesAlter zurückblicken kann, ist eine Inschrift auf der Marktfahne vorhanden mit folgendemWortlaut: Renoviert worden anno 1788 durch die Ehrengeachteten Bürgers Söhne allhier,seinen Anfang dessen Ritt 1412. Nun fragt es sich: Wie kam Kötzting zu dem merk-würdigen Brauch? Ich halte mich zunächst an den Namen, der im Volke noch vielfachPfingstlritt und nicht, wie jetzt eingeführt worden ist, Pfingstritt heißt. Die Sprache desVolkes ist das Konservativste, was es gibt, und hat uns viele Bezeichnungen treu undrichtig aufbewahrt.

Was ist nun der Pfingstl? Er ist das, was man auch mit Pfingstlümmel bezeichnet,das heißt der am Pfingstmontag am spätesten fertig gewordene Knecht, also etwas Ähn-liches wie der Palmesel zu Ostern. ³) Dieser Ungeschickte oder Faule wurde von seinenKameraden, in Laub, Zweige oder Schilfrohr eingebunden, auf ein Pferd gesetzt, imTriumph durch das Dorf geführt und dann als sogenannter Wasservogel in den Dorfteich

1) Chamer Anzeiger" Nr. 114. 1912.

2) Unter der Mannschaft der spalierbildenden Kriegervereine waren mir mehrerealte Männer aufgefallen, die neben dem Eisernen Kreuz und anderen Denkzeichen auchGewehrkugeln an der Brust hängen hatten. Auf meine Anfrage erklärten mir die Veteranen,das seien Preußische" aus dem Jahre 1866, die ihnen im Spital aus dem Leibe gezogenworden.

3) Vergl. John, Sitte, Brauch und Volksglauben im deutschen Westböhmen." Prag1905. S. 77 ff. Hier ist auch auf weitere Literatur verwiesen.