Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde15 (1909) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
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15 (1909) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Gebildbrote bei der Geburts-, Wochenbelt- und Tauffeier( Geburts- und Namenstag). 97

Der feinere Kuchen, das eigentliche Festgebäck der späterenZeit, entwickelte sich aus dem primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiven Brei durch die bessereBacktechnik. Die meisten Kindbett kuchen zeichnen sich, abgesehenvon dem Anis-, Zimt- und Kümmelgewürzzusatz, aus durch die meistsafrangelbe( Ei-) Farbe, die sich selbst bis Rot steigert*)( der Mohn-samen scheint beim Wochenbettgebäck zu fehlen).

Bei der Kindstaufe auf den Dörfern um Reichenbach im Voigt-lande bekam früher der Gevatter drei Pfund Fleisch sowie dreiKuchen von verschiedener Sorte, immer aber einen gelben, außer-dem einen sogenannten Zucker kuchen( Köhler, 248); im Erzgebirgeheißt der 5 cm dicke Gevatter kuchen» der Dicke«( E. John, 63).

Gelbe Stroh küchel gibt es auch in Bayern am Sonntag nachder Kindstaufe im Hause der auf dem sogenannten Stroh(= Wochen-bett) liegenden Wöchnerin beim sogenannten Kindlmahle( Schmeller,II, 803);[ engl. lady in the straw» Kindbetterin<<].

Die Puppenstube im Straßburger Kunstgewerbemuseum weistebenfalls die knallroten Kuchen auf, jedenfalls wegen ihrerBeziehung zum Wochenbett, beziehungsweise zur Kinderstube, in derdas rote Wachslicht als Apotropäon sogar um den Löffelstiel derWöchnerin gewickelt wurde.**)

Der Opfercharakter dieser Festgebäcke kennzeichnet sich auchdurch die auffallende Häufung derselben, die, wie zu einem Opfer-stocke aufgetürmt, dargebracht werden. In der Schweiz liegen so aufeinem Teller die sogenannten Hab- Küechli( durch Hefezusatz auf-geblähte Küchlein), auf dem anderen die auffallend gelben Eier-küechli( Schw. Idiot., III, 135); an das Prangende solcher Festkuchender Kindbettzeit erinnert auch der Nürnberger Prang kuchen, dergleichsam ostentativ wie eine Opfergabe(» culinae ad meram osten-tationem compositae«) aufgetragen wird; er entspricht der alt-griechischen àyhaía, ayhanopátia( Athen. Casaub., XIV, 930). Dieapotropäischen Eigenschaften der Gewürze machen sich wohl bemerkbarbeim isländischen Gewürz kuchen, mit süßer Bierwürze(= Malz-extrakt statt Honig) angeknetetes Brot, das den Übergang vom honig-süßen Kultgebäcke zum profanen Brot bildet, ebenso beim SigerländerZimmet kuchen. Zimmet ist ein häufiges Volksmittel bei Geburts-blutungen geworden; auch die englischen pepper cakes oder Pfeffer-kuchen haben Beziehung hierher als Wochenbettgerichte, Honigund Gewürze sind darin vertreten.

*) Die sogenannte gelbe Frau", die bei den Schweizer Hochzeiten niemals vonder Braut weicht und das Brautopfer auf dem Altare in Empfang nimmt, das sie an dieBraut aushändigt( Schw. Idiot., I, 1242, II, 292; Hochzeitsbuch, 109, Meyer, B. V. L, 20),steht auf dem gleichen Boden der Volksvorstellung, daß die gelbe oder rote Farbe etwasAbwehrendes birgt; die weiße Farbe bezeichnet den sakralen Charakter.

**) Vielleicht ist die rote Farbe des Wochenbettbrauches ein kümmerliches Substitutder roten Blutfarbe, beziehungsweise des blutigen Opfers. Das Opfermaterial wird ja oftgenug zum Apotropäon.

Zeitschrift für österr. Volkskunde. XV.

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