Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde15 (1909) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
Jahrgang 
15 (1909) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
Einzelbild herunterladen
 

10

2

Brockhausen.

nun auch in anderen Teilen des Oberinntales, besonders in Grins beiLandeck, zahlreiche und recht originelle Formen antraf.

Erstaunlich ist es, daß sie meines Wissens bisher keine literarischeBehandlung erfahren haben. Weder das große Bauernhauswerk desÖsterreichischen Ingenieur- und Architektenvereines noch Deiningers» Bauernhaus von Tirol und Vorarlberg« bringen diese Stalen. Nurbei Deininger ist an einem Vorarlberger Sommerschopf( Art Veranda)ein blumenbrettartiger Abschluß des Holzgeländers zu sehen. SolcheStalen wurden offenbar nicht als integrierende Schmuckteile des Hausesbetrachtet und daher auch nicht in diese Literatur aufgenommen; siesind ja tatsächlich nur lose angehängt und werden im Winterabgenommen.

Da meine Sammlung schon auf dem Papier das sachverständigeWohlgefallen des Herrn Direktors Haberlandt erregte, so daß er ihrfreundlichst in diesen Blättern Raum geben wollte und überdieseinige Belegexemplare für das Museum für österreichische Volkskundezu erwerben wünschte, wandte ich mich an den kunstliebendenPfarrer Lorenz mit der Bitte, einige Musterstalen anzukaufen, sieaber nicht eher an das Museum zu senden, als bis sie kopiert unddiese Kopien an die Stelle der Originale gesetzt seien handelt essich doch hier nicht um einen ausgestorbenen, sondern einen nochlebenden Kunstzweig. Durch diesen Vorgang sollte die Bevölkerunganf den Wert ihres kleinen Kunstbesitzes aufmerksam gemacht, sievor eventueller Verschleuderung gewarnt und zu weiterem Schaffenangespornt werden.*)

So erwarb denn das Museum für österreichische Volkskundedie sechs auf Tafel I abgebildeten Stalen durch die dankenswerteHilfe des Pfarrers Lorenz, der mich in ausführlichen Briefen über dieEntstehung und Ausbreitung dieses bäuerlichen Kunstzweiges auf-klärte. Seine mit Humor gewürzten Briefe sind so informativ, daßich nichts Besseres tun kann, als sie in ihren Hauptstellen wieder-zugeben.

» Die Liebhaberei für Blumen und Blumenstalen ist hier nichtsehr alt; in den früheren Zeiten, vor zirka hundert Jahren, hatte manauch Stalen, einfache Bretter vor den Fenstern; aber auf dieselbenwurde Käse zum Trocknen gelegt... Vor zirka sechzig Jahren kannte mannur zwei Gattungen von Blumen: Rosmarin und Nelken. Beide Blumenhatten vielfach symbolische Bedeutung. Ein Zweiglein Rosmarin undeine Nelke dazu steckte das Mädchen ihrem Geliebten auf den Hut.Ein besonders schönes Sträußchen dieser Blumen wurde und wirdjetzt noch dem Symbol der Bündnisse, der Statue des heil. Schutz-engels( Jünglinge), der Unbefleckten( Jungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfrauen) an den Bündnistagen

* Es freut mich zu hören, daß Dr. Reinhold v. Zingerle diesen Vorgang dem Vereinfür Heimatschutz in Tirol, dessen Sekretär er ist, zur Nachahmung empfehlen will.