Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde11 (1905) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
Jahrgang 
11 (1905) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
Einzelbild herunterladen
 

4

Lentner.

worden, das Altertümliche, Großväterische. Selbst da, wo die eigentlicheTracht bereits allgemeineren Formen weichen mußte, wird man beiden besonders festlichen Gelegenheiten sie sicherlich zu sehen be-kommen; wo sie nur teilweise besteht, wird sie dann vollständigauftreten, und wo sie noch gang und gäbe ist, einer älteren, nochoriginelleren Platz machen. Schon das gewöhnliche Festgewand hältsich genauer an die überlieferten Schnitte, Farben und Zutaten; dieallenfallsigen Neuerungen, deren man sich an einem Werktags- oderordinären Sonntagskleide nicht schämt, würde man zum hohen Prunkenicht anzunehmen wagen. Am sorgfältigsten aber wird vom Kopfe biszur Sohle alles nach der guten, ehrlichen Vätersitte zusammengefaltetoder ausgebreitet, wenn es sich darum handelt, in der bestmöglichstenWürde» ehrbarig« aufzutreten an den wichtigsten Haus- und Kirchen-festen. Darum sind Hochzeiten und Prozessionen die erfreulichstenSchaugenüsse für den, der im Gewande des Volkes etwas mehr sieht,als eine gleichgiltige Mummerei. An diesen Tagen tauchen aus denTruhen und Schränken eine Menge der echtesten und ältesten Pracht-stücke auf. Vielfach erscheint die Braut in ganz ungewöhnlichenKleidern, wohl auch der Bräutigam mit eigenen Auszeichnungen,und ebenso wechseln sie die Kleidung bei den Verkündtagen, beimHandstreich oder Stuhlfest, bei der Seelenmesse für die Brauteltern.Da schürzen sich die Kranzjungfern Glossar ::: zum Glossareintrag  Kranzjungfern und setzen stolz das Krönleinins eigens dazu gezopfte Haar, und in gleicher Weise putzen sich dieJungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrauen, die beim Umgange die Schwesterschaftsfahnen und dieTragaltäre mit den Marienbildern handhaben; im vollständigen Staatestolzieren auch die Buben und Männer, wenn sie mit dem Stutzenim Arme als Schützen in Reih' und Glied treten. Weil solche Gelegen-heiten nicht zu häufig vorkommen, so werden die festlichen Gewänderauch in den Augen der Landleute zu Seltenheiten und vom jüngerenGeschlechte mit weit offenen Augen, nicht selten auch mit einemLächeln angestaunt. Selbst die Trägerinnen solch ungewöhnlicherVerschönerungen sah ich häufig ihren eigenen Aufputz geschämigverlachen. Auf keinen Fall würde man es wagen, diese Festgewänderoder auch nur ihre Form zum gewöhnlichen Gebrauche anzuwenden,am Montag würde sogar häßlich heißen, was am Sonntag als wunder-schön galt. Keine der Jungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfrauen, die so stolz am» Blutstage« oderam Säkulum einherschritten, würde zu bewegen sein, in gleichemAnzuge den gewöhnlichen Sonntagsgottesdienst zu besuchen.» Dawürd ich wohl ausgelacht,« heißt es nicht ohne Grund.-

Wo die Abgelegenheit der Wohnsitze in unwegsamen Tälernund der hirtenhafte Zustand der Völklein, die kaum nötig haben,anderswo ihre Bedürfnisse zu suchen, den Verkehr außerhalb derSchluchten völlig aufhebt, fällt auch jeder Einfluß in letzterem Sinneweg, wenn auch nicht der unwiderstehliche alles irdischen Wechselsim großen. Hier sind die Stellen, wo wir versuchen wollen, Reste