Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde4 (1898) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
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4 (1898) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Piger.

In den Tageliedern, so in dem Walther's von der Vogelweide, kündetder Morgenstern den Tag an

Ein ähnlicher Gedanke findet sich auch in der ersten Strophe eineskurzen hiesigen Volksliedes:

Wenn ich morgens früh aufsteh', früh aufsteh',

Schau ich, wo der Tag herkommt

Der Tag, der kommt vom Morgenstern,

Beim schwarzbraunen Mädchen lieg' ich gern.

Weit schneidiger erklingen die Vierzeiligen beim Tuschen. Hierkommt der Bursche selbst zum Worte, die Musik besorgt nur den ein-leitenden Tusch. Die geheimsten Regungen des Herzens werden hierlaut gekündet, es versteht die Worte doch meist nur eine Person zu deutenund zu beziehen. Der Vierzeiligen gibt es so viele, und sie sind so ver-änderungsfähig, dass sie weit mehr als das bereits gegebene Volkslied dieStimmung des Augenblickes wiedergeben. Freude und Traurigkeit, ätzen-der Hohn und rührende Zartheit können durch sie zum Ausdrucke gebrachtwerden. Der Inhalt ist freilich manchmal so derb, dass man sich wundernmuss, dass ihn ehrbare Mädchen zu ertragen im Stande sind. Daher kommtes auch, das die Dirn bei gewöhnlichen Tanzmusiken fast nie selbst singt,dass der Bursche gewissermaßen ihre Rolle übernimmt, indem er auchBuhlerlieder singt, in denen das Mädchen seine Gefühle kund thut. Nurbei Hochzeiten, wo man mehr unter sich ist, wagt sich hie und da eineschüchterne Mädchenstimme hervor, um etwa einen harmlosen Strauß imWechselgesange auszufechten.

Bevor ich aus meiner Sammlung die gebräuchlichsten der hier ge-sungenen Schnaderhüpfeln vorführe, damit sie selbst von bäuerlichem Lebenund Treiben erzählen, will ich noch über ländliche Sittlichkeit meine Ansichtäußern:

Für unsittlich möchte ich das Völkchen, weil es von Liebe und Ge-nießen so ohne jedes Bewusstsein der Unschicklichkeit selbst in Gegenwartder Vater und Mutter singt, nicht halten. Lieben und Genießen geltenals durch einander nothwendig bedingt, man hält dies für selbstverständ-lich, und es wird daher auch davon gesungen; denn was möchte mehr dasHerz der jungen Leutchen erfüllen als Liebe und Genuss. ¹) Das Buhler-liedchen hat ja ein anderer erfunden, man ist dafür nicht verantwortlich.

¹) Noch deutlicher kommt die Situation zum Ausdrucke in der Schlusstrophe eines sehrverstümmelten Volksliedes, in welchem ein Mädchen über den während der Nacht erlittenen Ver-lust der Ehre klagt und der Bursche über das nun einmal Geschehene zu trösten sucht. DieStrophe, die zum Liede nicht recht passen will, lautet:

Wenn der Thurner( Thürmer) am Thurm aufsteigt,*)

Hört man Glöcklein läuten:

Wachet auf, wachet auf,

Ihr lieben jungen Leut',

Was bei Euren Herzliebchen seid,

Der Tag fängt an zu leuchten, zu streiten.

* Ich vermuthe, dass es eigentlich heißen soll<< aufsteht>>.