Das Schnaderhüpfel in der Iglauer Sprachinsel.
7
nationale Gabe, deren wir so sehr bedürfen, dankbar zu sein. Wien garist für die deutschen Colonialstädte Mährens eine geistige Nährmutter,die man als solche bisher kaum jemals gewürdigt hat. Brünn, Iglau, Olmütz,Znaim u. s. w. sind in dieser Beziehung als Vorstädte Wiens anzusehen.Mag auch nicht gerade alles, was Wien an die Provinz abgibt, geläutertemGeschmacke genügen, für das Gefühl der Zusammengehörigkeit des deutschenVolkes in Österreich und im Sinne der Zusammenfassung der Länder undVölker zu einem Staatsganzen, ist der geistige Reichthum, den die Kaiser-stadt so verschwenderisch austheilt, von unberechenbarer Bedeutung.Beugen sich ja auch nichtdeutsche Volksstämme gern und willig demZauber, den Wien über die ganze große Monarchie ausbreitet. Es magalso, um wieder auf das Schnaderhüpfel zu kommen, manches dieser vier-zeiligen Liedchen aus dem Süden hierher verschlagen worden seinunsere Wanderburschen und unsere jungen Krieger brachten sie mit Vor-liebe mit hunderte und hunderte aber sind hier geboren und hierheimatsberechtigt. ¹)
_
Schnaderhüpfeln, die das Wildschütz-, Alm- und Sennerleben be-handeln, sind hier nicht heimisch; die wenigen, die sich darauf beziehen,sind eingewandert, besitzen aber immerhin, wenigstens im Hauptgedanken,allgemeinen Charakter. Das Burschenideal z. B. wird folgendermaßenausgedrückt:
Vom Spielhahn die Feder,Vom Hirscherl das G'weih,Vom Dirnal die Lieb'
Und vom Bübal die Treu.
Ein derartiges Schnaderhüpfel kann hier nicht entstanden sein, denndas Jägerleben spielt bei uns in der Volkspoesie nicht die geringste Rolle.Der zweite Theil aber, der ja bei fast allen Schaderhüpfeln der wichtigereist, wozu die zwei ersten Zeilen sozusagen nur die Einleitung bilden, findetnatürlich auch hier mächtigen Wiederhall in der bäuerlichen Volksseele;daher wurde es mitgenommen und hat sich für immer eingebürgert.
Manchmal schleicht sich auch ein Missverständnis ein, aber wiedernur in den zwei einleitenden Zeilen.
So singt man in den Alpen:
Dort oben am Bergl,
Wo's Bachl abi rinnt,
Da tanzt der Herr Pfarrer,Dass's Kappl umspringt.")
Bei uns heißt es fast sinnlos<< Wo der Wei abi rinnt», denn dieVorstellung vom herabrieselnden Bächlein ist unserem Burschen fremd, esmusste ihm wohl etwas von reichlich verschüttetem Weine vorschweben.
1) Hauffen scheint alle Schnaderhüpfeln als Auswanderer aus den Alpen anzusehen, wasdoch gewiss die Productionskraft der übrigen Gebiete, in denen dasselbe erklingt, unterschätzenhieße. Hauffen, das deutsche Volkslied in Österreich- Ungarn. Zeitschrift für Volkskunde.* Jahrg.IV. S. 12. Der Vierzeilige scheint ein ziemlich allgemeines Volksbedürfnis zu sein; nebst anderen.slawischen Völkern kennen ihn auch die benachbarten Tschechen, wenn auch die Melodie eineandere ist. 2) L. v. Hörmann, Schnaderhüpfeln aus den Alpen, 3. Aufl. S. 353-