Zur österreichischen Sagengeschichte. I.
9
wand zur Verherrlichung dieser Urgeschichten mit großem Aufwand her-richten ließ( Dr. Karl Lind, die St. Georgskirche zu Wiener- Neustadt inden Ber. des Alt.- Vereins zu Wien, 1865).
Ein noch viel stärkerer Grund für die Echtheit dieser Sage scheintmir die Analogie mit angelsächsischen und nordischen Geschichtsregisternzu sein, besonders mit der Inglingasage des Snorri und dem ihr zugrundeliegenden Gedicht des Thiodolf von Hvin« Inglingatal». Hier wird auchnur eine dürftige Aufzeichnung von langen dürren Geschlechtsregisterngegeben, die aber auf älteren ausführlicheren Sagen zu beruhen scheinen.Vor allem ist merkwürdig, dass in jenen nordischen Registern ebenso wiein unsern österreichischen die genaue Bestimmung des Begräbnisortes zurHauptsache gemacht ist. Als solche Begräbnisorte sind bei uns angegeben:Stockerau, Tulln, niederhalb Tulln zwei Meilen, Trautmannsdorf, bei Neu-stadt, Greifenstein, Nussdorf, Korneuburg, ober- und niederhalb Nussdorf,Kahlenberg, unter dem Kahlenberg, der Bühel bei St. Lazarus auf demFeld, vor dem Werderthor, Klosterneuburg, vor dem Stubenthor, Lorch-Enns, Schneeberg, Petersdorf, ober der Enns, Karnerthor, Greitschenstein,Schottenthor, Bern in Lamparten u. s. w. Dies scheint mir am meistenzu beweisen, dass jene Fürstenregister nicht lediglich in der Gelehrtenstubeausgesonnen worden, sondern dass sie auf Sagen beruhen, die sich umdamals, ja theilweise auch heute noch, bestehende prähistorische Grab-hügel in der Phantasie des Volkes gebildet und überliefert haben.Sohaben diese scheinbar in der Luft schwebenden Sagen einen festen Bodengefunden, ja ich glaube, die prähistorische Forschung würde nicht immerenttäuscht werden, wenn sie an der Hand dieser alten verachteten Grab-register einige der am häufigsten bezeichneten Stellen, z. B. den Kahlenbergund Nussberg absuchen würde. Dann würden wir vielleicht gar nochdie Leiber unserer mythischen Urfürsten mit ihren barbarisch Glossar ::: zum Glossareintrag barbarisch klingendenNamen zu sehen bekommen, ungefähr so, wie Kimon den erstauntenAthenern die neuentdeckten Überreste des Theseus zubrachte. Ich selberglaube an manchen der angegebenen Stellen Spuren gesehen zu haben,die wohl entweder von einem alten Grabhügel herrühren, oder doch einstim Mittelalter für Grabhügel können gegolten haben; und das wäre,wenigstens für unseren näheren Zweck, schon genug.
Wie gesagt, umfasst jene mythische Zeit, von der die Sage eineununterbrochene Herrscherreihe anzugeben vermag, einen Umfang vonmehr als zwei Jahrtausenden. Sie beginnt mit der Mitte des zweitenJahrtausends vor Christus, also mit derselben Zeit, wo auch die mythischeErinnerung der Griechen beginnt, und sie geht bis etwa 900 nach Chr.Wenn auch alles andere mehr oder weniger auf Volksüberlieferungenberuhen mag, diese lückenlose Registrierung ist natürlich nur gelehrteArbeit. Ich wage es nicht, anzunehmen, dass die erste Registrierung umjene Zeit gemacht wurde, oder bald nachher, wo das Register abschließt,obwohl dadurch die Analogie mit der Inglingasaga noch vollständigerwürde, denn Thiodolf von Hvin, der Dichter von« Inglingatal» gehörteben jener Zeit, der Zeit Haralds des Schönhaarigen, an.