Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde1 (1895) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
Jahrgang 
1 (1895) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Das Volksmäßige und die Gegenwart.

Von Prof. Dr. Alois Riegl, Wien.

Das« Volk», dessen Studium sich der Verein für österreichischeVolkskunde widmen will, ist nicht das Volk im politischen Sinne: wederder tiers- état der Feudalzeit, noch der vierte Stand der modernen Ge-sellschaftsordnung; aber auch nicht das Volk in streng ethnographischemSinne, das alle Angehörigen eines und desselben Stammes, ohne Rück-sicht auf Gesellschaftsunterschiede, umfasst. Das Volk, dessen äußereErscheinung wie inneres Leben, körperliche wie geistige Typen, Alltags-gebräuche wie künstlerisches Empfinden, kurz dessen Leib und Seelezu erkunden unser Verein sich zur Aufgabe gestellt hat: dieses Volkbegreift in sich alle diejenigen, deren ganze Lebenshaltung auf der bloßenTradition, auf der lebendigen und in den wesentlichsten Dingen unge-brochenen und ungetrübten Familienüberlieferung beruht. Der für unseremoderne städtische Cultur so bezeichnende Drang des Alleswissenwollensexistiert für dieses Volk nicht, und naturgemäß ebensowenig das unfehl-bare Mittel, mit dem wir Städter jenen Drang zu beschwichtigen bestrebtsind die schulmäßige Bildung. Noch immer weist Österreich einen über-aus großen Procentsatz von Analphabeten in seiner Bevölkerung auf,und bei vielen von den Übrigen beschränkt sich der Zweck des Schul-besuches bloß auf die Erwerbung derjenigen primitivsten Glossar ::: zum Glossareintrag  primitivsten Kenntnisse, dieim täglichen Kampfe ums Dasein unentbehrlich geworden sind.

Alle die großen Fragen, welche die Gegenwart bewegen, lassendieses Volk kalt, und die Aufgaben und Leistungen, die uns Städtertäglich in Athem halten, gelangen spät oder gar nicht zu seinem Be-wusstsein, so wichtig, ja entscheidend dieselben auch für seine künftigenGeschicke sein mögen. Die weltumwälzenden technischen Erfindungen,das die Literatur völlig beherrschende Zeitungswesen, das in krampf-haften Anstrengungen sich äußernde Kunstschaffen, alles dies geschiehtnicht durch und ebensowenig für jenes Volk, sondern nur für die Trägerder modernen städtischen Cultur.

Dieser Gegensatz zwischen der Lebenshaltung der städtischen undderjenigen der Landbevölkerung im allgemeinen ist nicht von heute,wenngleich er bisher niemals so schroffe Formen angenommen hatte alswie in unseren Tagen. Nur hat man ihn allezeit in früheren Jahrhundertenals etwas Selbstverständliches hingenommen; den Städter interessierte dieLandbevölkerung lediglich als der für seinen materiellen Unterhalt noth-wendige Nährstand. Hinsichtlich der Äußerungen des Seelenlebens er-schien dem Städter doch nur einzig der städtische Culturmensch der Be-achtung wert. Die Entdeckung, dass auch das in urhergekommenenTraditionen befangene, aller Schulweisheit baare Volk» eine Seele be-sitzt, welche die Aufmerksamkeit der« Gebildeten» in höchstem Maßeverdient: diese Entdeckung blieb merkwürdigerweise unserer Zeit vor-behalten, einer Zeit, in welcher sich die Kluft zwischen städtischer über-hitzter Bildung und ländlicher Einfalt mehr denn je vorher verbreitert hat.

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