Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde44 (1939) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
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44 (1939) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
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auch für den Schwank, aber nicht für das Märchen. Tatsächlich istdas Märchen in Brinkmanns Heimatdorf bereits verstummt.

Für das Märchen gelten ganz andere Lebensgesetze. Das Mär-chen ist eine lange, fein gegliederte, kunstvoll ausgewogene Er-zählung, es stellt hohe Anforderungen an das Gedächtnis und dieDarstellungskraft seines Erzählers. Darum ist es gebunden an künst-lerische Begabungen im Volke. In jedem Dorfe gibt es oder bessergab es nur eine ganz beschränkte Anzahl von guten Erzählern. Esmag vielleicht mit Wesselskis psychologischen Gedankenkunst-stücken nicht übereinstimmen, aber die lebendige Anschauung lehrtes: Es gibt einfach Menschen, die imstande sind, mündlich über-lieferte Märchen ihr ganzes Leben im Kopfe zu behalten, ja sie be-herrschen sogar erstaunlich viele Märchen auf einmal. Es gibt Mär-chenerzähler, die über 100 Geschichten wissen und über jede ein-zelne genau Bescheid sagen können, nichts vergessen und nichts da-zutun. Das schönste Beispiel ist wohl der schlichte ÖdenburgerStraßenkehrer Tobias Kern, der nie lesen und schreiben gelernt hatund dessen Geschichten Bünker in einem 436 Seiten starken Mär-chenbande wortwörtlich abgedruckt hat. Es gibt solche berufeneMärchenerzähler, sie sind nicht allzuhäufig. Aber je märchenfreu-diger ein Dorf in seiner Gesamtheit ist, desto mehr solcher künst-lerischer Begabungen wachsen aus seiner Gemeinschaft hervor.Diese begabten Märchenerzähler tragen das Märchen durch die Jahr-hunderte weiter, nicht die breite Masse Unbegabter.

Alles, was hier und im folgenden gesagt ist, soll keine Be-reicherung des ohnehin schon unübersehbaren theoretischenMärchenschrifttums sein. Es ist das Ergebnis unmittelbarer Beob-achtung. Es gibt heute noch Dörfer, in denen die alte Märchen-freudigkeit noch nicht zerstört ist. Vieles, was auf dem geschlos-senen deutschen Sprachraum schon verstummt ist, hat sich in denGrenzgebieten und vor allem in den deutschen Sprachinseln desOstens und Südostens noch erhalten. Das Sprachinseldeutschtum hatvielfach ältere Zustände getreu bewahrt. Es hat noch eine festge-fügte Dorfgemeinschaft, ein tief verwurzeltes Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum, eineschöne, eigenständige Tracht und ein altes, wertvolles mündlichesErzählgut. Die einzelnen Sprachinseldörfer sind untereinander nichtgleich, es ist in Polen anders als in Ungarn und der Slowakei, jedesDorf hat seine besondere Prägung in seiner Art und Gesittung. Ichhatte Gelegenheit, auf mehreren Forschungsreisen eine ganze Anzahl