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Der Brauch, daß verheiratete oder unkeusche Frauen dasHaar bedeckt tragen sollen, dürfte daher nicht in Glaubensvor-stellungen wurzeln, sondern scheint vielmehr durch soziale Ur-sachen bedingt zu sein. Dr. Lugn hat es versäumt, in seiner Unter-suchung zum Vergleich die Sorgfalt heranzuziehen, mit der dasMädchen sein Haar vor der Hochzeit pflegt und schmückt. Eshandelt sich hier um einen Unterschied derForschungsmethoden. Die ältere Volkskunde hat dieEntstehung der Volksbräuche einseitig aus Glaubensvorstellungenherzuleiten versucht und in geringem Grade soziale und rein prak-tische Voraussetzungen berücksichtigt. Daß das Mädchen sein Haarschmückt, davon weiß der Volksglaube nichts, und dieses also rein„ materielle” Tun ist da auch nicht mit Bräuchen in Zusammenhanggebracht worden, die in der erhaltenen Volkstradition magischenCharakter gehabt haben. Der Brauch, daß das heiratsfähigeMädchen sich besonders putzen soll, ruht auf uralter Tradition. Wardas Mädchen Jungfrau Glossary ::: show glossary-entry Jungfrau geworden, so gestaltete sich der Verkehr mitdem anderen Geschlecht anders als vorher. Nun erhielt es Zutrittzu Tanzvergnügungen und Jugendgilden, und Freier begannen sicheinzustellen. Die Mädchen haben nun das Bedürfnis, sich so an-ziehend wie möglich zu machen, und vor allem wird nun Sorgfaltauf den Schmuck des Haares verwendet. Wir finden Beispiele hiefürüberall, und es ist unnötig, einzelne Belege anzuführen. In dem oben-erwähnten Aufsatz habe ich einige solche schwedische Kopf-schmucke abgebildet, und außerschwedische Entsprechungen findensich in Menge. Aus diesem Schmücken des Haares— das mit demEintritt der Geschlechtsreife beginnt und mit der Hochzeit endetgeht völlig deutlich hervor, daß das Haar als ein erotischesReizmittel betrachtet worden ist. Es wurde durch künstlicheZusätze bereichert, es wurde mit Locken und Bändern geschmückt,und ihren Höhepunkt erreichte die Ausschmückung in der Kroneund dem Kranze der Brauttracht im Verein mit dem frei wallendenHaare. Ein Weib Glossary ::: show glossary-entry Weib aber, verheiratet oder nicht, die bereits einemManne angehörte, durfte nichts an sich eine Quelle der Verführungwerden lassen¹). Sie mußte verzichten auf den verführerischenKranz der Jungfrau Glossary ::: show glossary-entry Jungfrau und statt dessen die verhüllende Haube derEhefrau anlegen. In dem angeführten Kapitel des Korintherbriefes
1) Die Bedeutung von der Eifersucht des Mannes ist schon von RudolfMeringer betont( ,, Einige primäre Gefühle des Menschen, ihr mimischer undsprachlicher Ausdruck" Wörter und Sachen, 5( 1913), Seite 164 ff.