Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde31 (1926) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
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31 (1926) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
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BIBLIOTHEK DES VEREINESFÜR ÖSTERREICHISCHE VOLKSKUNDE.

Zur Rolle der Volkskunde in der Forschungüber Bildende Kunst.

Von Josef Strzygowski, Wien.

Der Meister, dem diese Festschrift gilt, hat im Eröffnungs-bande des Jahrbuches für historische Volkskunde, die die Volks-kunde und ihre Grenzgebiete auf geschichtlichen Boden stellenwill, einen einführenden Aufsatz über» Volkskunde und Kunst-wissenschaft<< geschrieben, worunter ausschließlich die Forschungüber Bildende Kunst gemeint war. Ich finde mich dieser Aeußerung desFachmannes von Seiten der Volkskunde als Fachmann von Seitender Forschung über Bildende Kunst gegenüber in einer merk-würdigen Lage. M. Haberlandt rüttelt an der geläufigen Vorstellungder Kunsthistoriker vom Wesen des» Hochkünstlers«<; er verlangt,daß sie,» vom Prinzip des l'art pour l'art sich entschlossen undentschieden abwendend, auch in der Kunst das mächtige Waltendes Gemein- und Volksgeistes nicht verkennen dürfen«. Ich geheda noch etwas weiter. Aber freilich, was ich zu sagen habe, istso ketzerisch, daß ich längst nach stillschweigendem Ueberein-kommen der beamteten Fachleute aus der Gilde ausgeschlossenscheine.

Knüpfen wir an den Begriff der Gilde oder Schule an. Sieist eingeschworen auf eine in den letzten Jahrhunderten durchden sogenannten Humanismus ausgebildete Lehre. Diese trennteine geschichtliche Zeit, mit der sie sich beschäftigt, von einervorgeschichtlichen, um die sie sich überhaupt nicht kümmert; siestellt> Europa« und den Stammbaum, den sie sich dafür amMittelmeere zurechtgeschnitten hat, so in den Vordergrund, daßder ganze übrige Erdkreis daneben so gut wie verschwindet, undsie hält am überlieferten» Barbaren Glossar ::: zum Glossareintrag  Barbaren« glauben fest, um sich auchin Europa selbst alles, was ihr nicht in den Kram paẞt, vomLeibe halten zu können. Den Schmuck dieser schön hergerichtetenhumanistischen Torte bilden die» großen Geister«; sie schwebenüber der Masse und müssen einzeln genossen werden. Es gibtheute einige Leute, die diese Torte ungenießbar finden, vor allemsolche, die mit Asien in nähere Berührung gekommen sind.

Die großen Geister oder» Hochkünstler« sind nicht Fremd-körper auf einem humanistisch zurechtgemachten Brei, sondernBaumriesen zu vergleichen, aus deren Jahresringen wir besser.als aus Schriftquellen über das nach Macht und Besitz strebendeDutzend hinweg zurückschließen können auf die Kräfte derGebiete, in denen sie ihre Wurzeln haben. Freilich muß auch danoch unterschieden werden.