Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde28 (1923) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
Jahrgang 
28 (1923) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
Einzelbild herunterladen
 
  

51

Getreidehalme auf jedem Felde zusammen und sagte, das gehört den dreiJungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrauen auf dem Jungfer Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfer- Büchel. Die Beziehung des dreisprossigen Mai-baumes zu den Schicksalsfrauen( Nornen) ist durch die Überlieferung gegeben.Der Maibaum ist im Wesen dasselbe wie der Weltenbaum und am FußeYggdrasils hausen die Nornen. An Stelle der Nornen ist Maria getreten undso finden wir an vielen Orten als ihr Attribut drei Ähren oder die Sage, siehabe mitten im Winter aus dem Schnee drei Kornähren sprossen lassen.Demnach ist es leicht verständlich, warum wir in der Volkskunst den drei-zweigigen Baum so oft antreffen. In besonders kennzeichnender Weise erscheinter auf den Egerländer Ärmelbesätzen, ¹) auf Besatzstreifen im Heanzen-gebiete,) ferner auf slowakischen Einsatz- und Besatzstreifen in Mähren.³)Ein Brauereizeichen aus dem Pinzgau) läßt uns in der Mitte von drei mitBlättern besetzten Kreisen drei Gerstenähren erkennen.

In manchen Gegenden Deutschlands tritt der Maibaum auch in gegen-sätzlicher Form auf, als Baum mit grünem Wipfel und als dürrer Baum, soge-nannter Schandmai, 5) der unbeliebten Personen oder gefallenen Mädchengesetzt wird. An dieser Stelle seien auch die 8-10 m hohen, oben halbmond-förmig gebogenen Reif- oder Prangerstangen) aus dem HerzogtumSalzburg( ähnliche in Schweden!) genannt, die einen Teil des Jahres kahl sind,den anderen Teil des Jahres geschmückt( Jahresbaum!) in der Kirche stehenund bei Umgängen verwendet werden. Sie werden am Sonntag nach Pfingsten( oder zu Fronleichnam, oder am 24., beziehungsweise am 29. Juni) mit einemgrünen Tannenwipfel und Blumengewinden entlang des ganzen Stammesgeziert und nach ihrer letzten Verwendung zu Michaeli am 29. Septemberihres Schmuckes wieder entkleidet.

Verwandte Züge zeigt ein Brauch in Litauen.7) Da wird eine Stangeauf dem Dorfanger mit Kamillen bewunden und von jungen Mädchen zweiNächte und einen Tag ununterbrochen bewacht, damit die Burschen sie nichtrauben. Dann wird der Baum seiner Blumenzier beraubt und die Blumenunter die Mädchen verteilt.

All diese Bräuche erinnern an den Ming- chia- Baum der chinesischenÜberlieferung, der zu verschiedenen Zeiten des Monates in anderer Ausbildung,in der Mitte mit Laub oder Früchten bestanden, am Ende kahl gedacht wird.Als richtiger Monatsbaum tritt der Maibaum zu verschiedenen Zeitenund bei verschiedenen Gelegenheiten auf, was wir zum Teile schon feststellenkonnten, so zu Weihnachten, zu Neujahr, zur Fastnacht, am Palmsonntag, alsPalmlatte, zu Ostern, zu Pfingsten, am Johannistage, als Ernte- Mai, als Kirmes-baum. So hat jeder Festkreis seinen besonderen Baum. Vor Ostern und Weih-nachten findet er sich auch als dürrer Zweig, der eine bestimmte Zeit vorherabgeschnitten und ins Wasser gesteckt wird, um an dem vermeinten Festtageaufzublühen. Das leitet über zu den gegensätzlichen Bäumen, die

1) M. Haberlandt, Österr. Volkskunst, Taf. 7,Ebenda, Taf. 12, 1, 2; Taf. 21, 3, 4, 5.

3) Ebenda, Taf. 13, 4; Taf. 20, 3, 11.

4) Ebenda, Taf. 113, 8.

5) Feigenbaum und Dornbusch als Weltenbäume bei den Doketen,

W. Schulz, Dokumente der Gnosis, S. 122.

für

Volkskad

6) Andree- Eysn, S. 95.

7) Brossow, Programm des Altstädter Gymnasiums, Königsberg 1887,

Vereines

WIEN