10
Willkommenen Aufschluß bietet nun die noch lebendige Sitte desStaffansreitens, wobei dem Sieger nach dem Volksglauben die beste undfrüheste Ernte zuteil werden soll.
Mit dem Wettreiten war oft auch ein Tränken der Pferde aus bc-stimmten, bisweilen weit vom Hofe entfernten Quellen verbunden, wohl altenOpferquellen, denn in einigen Gegenden nahmen die Reiter einen Silber-becher oder Löffel mit, um die Pferde darüber trinken zu lassen. Dies deutetauf ein vergessenes Quellopfer zurück, und bekannt ist auch die mythischeVorstellung, daß dem Wasser zu heiligen Zeiten besondere Krait eigen sei.Der Wiener Sanskritist Leopold v. Schröder, dem auch die Volkskunde wert-volle Beiträge verdankt, hat darauf hingewiesen, daß man bei diesem Volks-brauch neben dem Wettreiten auch ein stürmisches Tummeln der Rosse ohneZiel erkennen könne; er faßt dies als die primitivere Glossar ::: zum Glossareintrag primitivere Form auf und deutetes als Bewegungszauber, wie das ekstatische Tanzen oder das Schaukeln.( Arische Religion, 2, 351.)
Als zweites wichtiges Moment in diesem Brauch erscheinen die dabeigesungenen Lieder, die aus Skandinavien und England überliefert sind. Inder inhaltlich wichtigsten Gruppe derselben erblickt Stephan als Stallknechtdes Herodes beim Tränken seiner Pferde den Stern, der die Geburt desHeilands ankündigt, und überbringt die Nachricht seinem Herrn. In der eng-lischen Variante des Liedes wird er hicfür gesteinigt. Er spielt hier also dic-selbe Rolle wie sonst die Hirten oder die heiligen drei Könige in volks-tümlicher Überlieferung. Das Wunder, daß ein gebratener Hahn auf desHerodes Tisch wieder lebendig wird, mit den Flügeln schlägt und kräht,bestätigt seine Worte.
Der Stephan dieser Legendenlieder ist wohl ganz verschieden von demHeiligen im Evangelium, aber das englische Stephanslied gibt uns Aufschlußdarüber, wie die Gestalt in den Liedern entstanden ist. Es heißt dort, daßder Stephanstag deshalb auf den Geburtstag des Herrn folge, weil Herodesseinen Diener Stephan steinigen ließ. Mit Recht zicht der Verfasser hierausden Schluß, daß man in dem Bestreben, die Aufeinanderfolge dieser Festtagezu motivieren, eine Legende geschaffen habe, in der der erste Märtyrer zueinem Diener des Herodes wurde.
Einen Beweis für das hohe Alter dieser Lieder finden wir in mittel-alterlichen religiösen Darstellungen in Schweden, und geradezu überraschendist es, in einer småländischen Kirche gotische Malereien von 1300 anzutreffen,die sich vollkommen mit dem Inhalt der Stephanslieder decken. Hier sehenwir Staffan, wie er dem Herodes die Geburt des Herrn verkündigt und wieer gesteinigt wird, aber vorher ist ein Bild eingeschoben, das ihn zeigt, wieer seine Pferde tränkt und zu dem Stern emporblickt. Auch auf einem Stein-relief im Dom zu Upsala ist dieses Motiv dargestellt. Diese Verbindungzwischen Staffan und den Pferden ist in schwedischen( und dänischen) Liedernund bildlichen Darstellungen überliefert. Der Verfasser schließt daraus, daßgerade in Schweden, wo die alte germanische Julsitte mit Wettreiten undTränken der Pferde sich am lebendigsten erhalten hatte, St. Stephan unterMitwirkung der Kirche, die diesen Brauch christianisieren wollte, zum Schutz-patron der Pferde wurde.