Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde27 (1921) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
Jahrgang 
27 (1921) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
Einzelbild herunterladen
 

42

Goldstern.

nur in drei Häusern, in denen die Stallwohnung im Winter auch als Wirts-stube benützt wird, ist ein Vorhang mitten durch den Raum gezogen.

Die Stallwohnung besitzt durchschnittlich einen Flächenraum von 25 bis 35und eine Höhe von 180 cm bis 2 m. Diese, Zahlen gelten aber meist für bereits umgebauteoder neu erbaute Häuser; hingegen findet man in alten Häusern Stallwohnungen, derenFlächenraum nur 15 bis 20 beträgt, während die Höhe 180 cm Raum erreicht.

Der von Menschen bewohnte Teil ist hier fast so groß wie der eigentliche Stall,oder er ist kleiner. In neueren Stallwohnungen verschiebt sich jedoch dieses Raum-verhältnis immer mehr zugunsten der menschlichen Behausung, so daß diese ungefährzwei Drittel und der eigentliche Stall ein Drittel des gesamten Raumes einnimmt.

Die Einrichtung des von Menschen bewohnten Teiles derStallwohnung ist recht einfach und so ziemlich überall die gleiche.Das wichtigste Möbelstück ist das kastenartige Holzbett,das je nach der Größe des Raumes und je nach der Anzahl derFamilienmitglieder einstöckig oder zweistöckig gebaut ist.

Entweder stehen diese Betten einzeln oder. falls die Raumverhältnisse es gestatten,werden zwei Bettgestelle mittels eines Verbindungsbalkens vereinigt.

Das kojenartige Kastenbett, das sich, wenn es einstöckig ist, über einem betttruhen-artigen Heubehälter erhebt, reicht bis an die Decke heran und ist dicht an die Mauer gerückt.

Die Einstieg öffnung wurde früber durch zwei horizontal gleitende Schiebe-fenster aus Holz( guichet) geschlossen, wodurch das Bett ganz das Aussehen einesKastens erhielt. Heutzutage sind in Bessans derartige zum Schutz gegen Kälte bestimmteSchiebefenster zum großen Teil durch Stoffvorhänge ersetzt worden, die sowohl aushygienischen als auch aus ästhetischen Gründen allgemein vorgezogen werden. Nur aufden Alpen und in den hochgelegenen Weilern sind die lits à guichet" noch durch wegsin Gebrauch.

Ein Bett ist in der Regel für zwei Erwachsene, beziehungsweise drei Kinder be-rechnet. An einer der Innenwände ist ein Fach( creto) für die Kinderwiege angebracht,die durch eine an ihr befestigte Schnur vom Bett aus geschaukelt werden kann.

Die Bettwäsche sowie die Decken werden in Bessans noch durchwegs von denHandwebern hergestellt.

Wenn das Bett einstöckig ist, pflegt man stets in dem freienRaum darunter einige Schafe und Ziegen, zuweilen auch einKalb unterzubringen, eine Gewohnheit, die sich einerseits durch dasBedürfnis nach Raumersparnis, andererseits durch die in Bessansverbreitete Ansicht erklären läßt, daß die animalische Wärme derbetreffenden Stelle die Feuchtigkeit zu entziehen vermöge. Dieserwohl etwas primitive Glossar ::: zum Glossareintrag  primitive Stall für Kleinvieh wird vorne durch einenverschiebbaren, betttruhenartigen Heubehälter abgeschlossen, dessenDeckel beim Nachfüllen abgehoben wird Der Heubehälter ist etwasüber dem Fußboden erhöht, um der Luft einen Zutritt ins Innere zugewähren. Da das aber nur in ungenügendem Maße geschehen kann,wird das Kleinvieh ein; bis zweimal täglich aus seiner Gefangen-schaft herausgelassen.

Der Heubehälter für Kleinvieh bildet eine bei den Bessanernzwar beliebte, jedoch für Fremde durchaus nicht empfehlenswerteSitzgelegenheit. Denn sobald die gewohnte Stunde der Fütterunggeschlagen hat, pflegen die Schafe und Ziegen ihre Ungeduld mit sokräftigen Stößen an den Behälter zu bekunden, daß den ahnungslos darauf