die Voraussetzungen für eine diachronische Betrachtung der volks-kulturellen Erscheinungen des hochalpinen Dorfes Bessans schaffen.Der Fortschritt und die Ergebnisse der neuen Untersuchungen, die dieälteren österreichischen Forschungen zur Grundlage haben, werden vonWien aus mit besonderem Interesse verfolgt. Prof. Niederer hat freund-licherweise einen vorläufigen Bericht von der ersten Forschungsexkur-sion nach Bessans zur Verfügung gestellt, dem hier gerne Raum gegebenwird.Klaus Beitl
Kurzbericht von der Forschungsexpedition nach Bessans( Haute- Maurienne), 9. bis 19. Oktober 1967
Wir setzten uns das Ziel, eine retrospektive Studie an Hand desBuches Eugenie Goldstern zu versuchen. Trotz der Zerstörung einesgroßen Teiles des Dorfes im Zweiten Weltkrieg und durch die Hoch-wasserkatastrophe von 1957 fanden wir noch vieles von dem vor, wasEugenie Goldstern geschildert hatte.
Auch die neuen Häuser weisen vielfach wieder Stallwohnungen auf,allerdings mit halb oder ganz hohen Zwischenwänden. Doch sind dieÖffnungen von der Wohnstube zum Stall stets möglich und werden auchbenützt. Schätzungsweise besitzen 50 Prozent der Häuser heute nochStallwohnungen.
Die Trachten werden von der älteren Generation noch getragen, angroßen Festen und Hochzeiten auch von den jungen Mädchen.
Das Heuen geschieht noch in der von Goldstern geschilderten Weise( mit dem Gerät„ cordess"); die„ bayards" zum Binden von Heu imWinter sind durch Seilbahnen ersetzt. Die bayards werden nur nochen miniature als Touristenartikel verfertigt. Die Hausmolkerei ist nochin Schwung, daneben besteht aber eine moderne Käserei. Die Saison-wanderung der männlichen Bevölkerung nach Paris( Taxichauffeure)dauert an: Im Sommer hat das Dorf ca. 700 Einwohner, im Winter nur200. Ein neues Hotel ist auf dem Dorfplatz entstanden( Le Mont Iséran)und die Gemeinde versucht verzweifelt, eine Wintersaison einzuleiten,wird aber von Bonneval konkurrenziert.
Am Sonntag spielen die älteren Leute passioniert„ boules", diejüngeren geben sich dem Mora- Spiel hin oder drängen sich um den,, Fußballkasten" der Bars.
Die Teufelschnitzerei scheint zu florieren, es war alles ausverkauft,so daß wir kein einziges Stück erwerben konnten. Notre- Dame desGrâces auf der Straße nach Bonneval hängt noch voll von Votivbildernund Hochzeitskränzen, letztere aus jüngster Zeit. Unvergessen bleibt unsder Besuch des 3583 m über dem Meer gelegenen Wallfahrtsortes Roche-melon( Italien), den wir in zehnstündiger Berg- und Gletscherwanderungerreichten. Eine Gruppe besuchte auch die 2970 m über dem Meer gele-gene Wallfahrtskapelle Tierce ob Bessans. Beide Orte werden von derBevölkerung immer noch wallfahrtsmäßig aufgesucht. Am 14. Augustdieses Jahres begaben sich 50 junge Leute aus Bessans nach der Roche-melon, wohin auch die von Susa und vom Val de Viu pilgerten.
Ich konnte das Pfarrmerkbuch von 1939 photographieren und ge-denke, gelegentlich darüber zu schreiben. Es orientiert über alle Einzel-heiten des religiösen Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtums samt den sich daraus ergebendenKonflikten zwischen Pfarramt und Jungmannschaft.
Man spielte uns zu Ehren im Kirchturm Carillons( wie sie beiTaufen üblich sind), die wir auf Tonband aufgenommen haben, wieübrigens auch die Stimmen beim Boules- Spiel und bei der„ Mora“.
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