jeden, der sich die versunkene Welt unserer Großväter aus solchen Zeug-nissen zu erschließen versteht. Das warmherzig und gütig geschriebeneBuch zeichnet den Werdegang des hochbegabten Bauernsohnes eindrucks-voll nach, aus der ganzen bunten Fülle des Lebens im letzten Drittel des19. Jahrhunderts. Volkskundlich sind die Kapitel des Jugenderlebens aufdem väterlichen Hof im Münsterland am wertvollsten. Man liest von dergesellschaftlichen Ordnung auf den Höfen in der alten Zeit( S. 44 ff.)ebenso wie von der langwierigen Flachsarbeit( S. 66 ff.), vom Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumzu Ostern mit den kunstreichen„ Palmstöcken"( S. 15) genauso wie vomLiebesbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Liebesbrauchtum am 1. Mai( S. 46 f.) und vom Erntebrauch mit dem„ Hackemai“( S. 39 f.). Aber auch Volkslied und Volkssage finden sicherwähnt, so Spuksagen mit vielen Motiven( S. 66 ff.), kurzum, ganzeStücke aus diesen Kapiteln gehören in jedes volkskundliche Lesebuch.Selbstverständlich kommt die katholische Volksfrömmigkeit nicht zukurz, von den äußeren Zeichen, beispielsweise den Bildstöcken( S. 18 f.)bis zum Erfühlen der verschiedensten inneren Regungen und seelischenBewegungen wird alles liebevoll aus dem eigensten Erleben heraus er-faßt und erzählt.
Leopold Schmidt
Will- Erich Peuckert, Niedersächsische Sagen IV(= Denkmälerdeutscher Volksdichtung Bd. 6/ IV). Göttingen 1968. Verlag OttoSchwartz& Co. 647 Seiten. DM 37,80( Subskriptionspreis).
Peuckert der Sagenforscher, kam nach dem Krieg aus Schlesiennach Niedersachsen und begann sehr bald von Göttingen aus ein Sagen-werk seiner neuen Heimat zu schaffen. Er hat im 1. Band dieses Werkes( 1964) ziemlich ausführlich berichtet, was er plante, wie er es durch-führte und was er damit bezweckte. Es war und ist nicht zuletzt dieFruchtbarmachung der älteren, längst vergriffen einzelnen Sagensamm-lungen des Landes, einschließlich der Beiträge in alten Zeitschriften undanderen Quellen.
Das auf 6 Bände geplante Werk ist wohl eine zeitlang nicht rechtweitergegangen, Peuckert ist darüber alt und krank geworden. Aberseine Energie hat jetzt doch dem IV. Band zum Druck verholfen, undder III. soll in Kürze ebenfalls erscheinen. Dennoch sei jetzt schon aufden mächtigen Band hingewiesen, der hauptsächlich Gestalten der„ Niederen Mythologie" enthält, vom„ Wilden Jäger" bis zu den Riesenund Zwergen. Die Sagen werden in den alten Fassungen gegeben, wasfreilich ein Beibehalten des jeweiligen Zeitstiles mit sich bringt. DieAnmerkungen beschränken sich auf die Quellenangaben, wobei aberverwandte Fassungen doch auch gleich mitzitiert werden, also mehr, alsman zunächst annehmen würde. Hoffentlich kann das sehr groß geplanteWerk wirklich fertig werden.
Leopold Schmidt
Siegfried Neumann, Plattdeutsche Schwänke. Aus den Samm-lungen Richard Wossidlos und seiner Zeitgenossen sowie eigenenAufzeichnungen in Mecklenburg herausgegeben. 230 Seiten. Rostock1968, VEB Hinstorff Verlag.
Siegfried Neumann hat sich schon vielfach mit dem Schwank be-schäftigt, den er in seiner Heimat Mecklenburg sehr gut kennt, und vondem er schon, ebenfalls mit Wossidlos Sammelgut, eine eigene SammlungVolksschwänke aus Mecklenburg" herausgegeben hat. Die 1963 er-schienene Sammlung hat inzwischen schon die dritte Auflage erlebt, ein
262