Jahrgang 
71 (1968) / N.S. 22
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wenigstens nicht dauernd fest erfaßbar für ein gemeines Volk vonerst halb entfalteter Seele und Geistigkeit. 25) Es handelt sich dochbei der Darbringung figürlicher Opfergaben um eine reine Zweck-handlung im Bereich des Anwendungsstadiums, die sinnlos wäre,wenn man sie nur als Symbole auffaßte und die deshalb ja auchüberall dort von selbst außer Gebrauch kommen, wo für das Volkim Zeitalter der rationalen Zivilisation das Ergebnis der Bildver-knüpfung bedeutungslos wurde.

Daß man die figürlichen Votive kirchlicherseits aus eben jenenGründen stets( und nicht nur in der Frühzeit) mit Mißtrauenbetrachtete, zeigt die Geschichte der letzten Jahrhunderte.

Zur Zeit der Aufklärung begegneten sich die kirchlichen mitden staatlichen Tendenzen, welch letztere, wenn auch aus anderenGründen, dasselbe Ziel noch radikaler verfolgten. Mit dem gesam-ten Opferwesen wurde auch die Votivtafel- Spende scharfbekämpft, durch besondere Verbote in Österreich 1784, in Bayern1803. Im deutschen Sprachraum ist denn auch als späte Folgesolcher geistiger Haltungen trotz mancher restaurativer Bestrebun-gen im 19. Jahrhundert die Darbringung wächserner und hölzernerGliedmaßen und Organe seit der Jahrhundertwende fast aus-gestorben.

In Norditalien ist es nicht viel anders. Man sieht fast nur nochsilberne Herzen, die mit den Initialen Christi und Mariens ver-sehen den Charakter des bildmäßigen Opfers schon weitgehendverloren haben. In Unteritalien, wo nicht nur das Volk primitiver Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiver,sondern auch die niedere Geistlichkeit dem alten Kultbrauch nochimmer nahe verbunden ist, findet man silberne Votivgaben, Per-sonen, Körperteile, Eingeweide und Haustiere darstellend, noch ingroßen Mengen. In der via San Biagio in Neapel kann man sie beiden Silberarbeitern noch zu Hunderten erblicken und in der volks-tümlichen Wallfahrt Madonna del Arco werden sie auch noch inMengen dargebracht. Bis vor dem Krieg gab es auch noch dasWachsopfer in oft sehr realistischen Ausführungen, aber seit derZerstörung der großen Wachszieherei Santoro in Neapel währenddes Krieges, ist es verschwunden. In Sizilien fiel es erst in denallerletzten Jahren der Aufklärung teilweise zum Opfer. DasWachsopfer wurde in der Diözese Syrakus verboten und mußteaus den Kirchen weggeräumt werden. Im Umkreis von Palermohingegen konnte ich es im Jahre 1954 noch feststellen und auch diemir seit dem Jahre 1930 bekannte Wachszieherei in der Nähe desHafens von Palermo existiert noch heute. In Palmi in Kalabrienfand ich bei Saverio Surace noch im Jahre 1963 eine reiche Auswahlvon zum Teil sehr primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiven Wachsopfern mit realistischer, durch25) Max Rumpf, Religiöse Volkskunde. S. 324.

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