Jahrgang 
62 (1959) / N.S. 13
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Maßgebend, in Wirklichkeit und Phantasie, war und ist also diemit Süßigkeiten gefüllte Tüte. Nach Form und Inhalt die gleichezum Schulbeginn und bei Ankunft eines Geschwisterchens. Diebeiden Erscheinungen lassen sich also nicht voneinander trennen.In den Bezeugungen anscheinend ziemlich gleich alt, in der Ver-breitung offenbar auch gleich gelagert, stellen sie zwei Ausfor-mungen einer Grundgestalt dar. Außer dem bezeugten Alter, näm-lich seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der ungefährenmittel- und norddeutschen Verbreitung und der starken städti-schen, ja großstädtischen Bezogenheit ist uns bisher nicht allzu-viel davon bekannt.

Alter und Verbreitung geben eventuell noch einen gewissenHinweis: Auf das Vorkommen in hauptsächlich protestantischenLandschaften. Das katholische Südostdeutschland, ebenso Öster-reich, kennen den Brauch entweder gar nicht, keine der beiden Er-scheinungsformen, oder doch nur in den Großstädten, die ja seitJahrzehnten aus dem konfessionellen Gefüge ihrer Heimatland-schaften herausfallen. Von einer bekenntnismäßig- protestantischenBindung kann aber umgekehrt bei dem Brauch auch keine Redesein; es handelt sich nur darum, daß wir hier einer der vielenweltlichen Braucherscheinungen gegenüberstehen, die sich auf pro-testantischem Boden leichter bilden und ausbreiten, weil hier dieim katholischen Bereich immer noch mächtigen Wächter sakramen-taler und benediktioneller Art alles Brauches längst weggefallensind.

Umgekehrt ermöglichen solche Erscheinungen rein weltlichenBrauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtums vielleicht einen Einblick in Bezirke einer Art desVolksglaubens, mit dem wir im allgemeinen viel zu wenig rechnen:des Glaubens ohne Verpflichtung. Man könnte auch Brauch ohneGlaube" sagen, eingedenk dieses Wesensmerkmales. Der Brauchbesteht dann darin, daß man bestimmte Handlungen konventionellsetzt, daß man seinem Erstklaẞler eben eine Schultüte schenkt. Eshaftet aber keinerlei verpflichtender Glaube daran, man denktnicht etwa, daß es dem Kind etwas schaden könnte, wenn man esunterlassen würde. Diese Freiheit von Segens- und Schadenglaubehat offenbar aber den bildhaft- mythischen Hintergrund der Kin-derbräuche nicht zerstört. Man spricht von der wunderbaren Her-kunft dieser Zuckertüten, man bezeichnet sie als Früchte eineswunderbaren Baumes, in manchen Gegenden zeigt man sogardiesen Baum, soweit es sich um den Schulbrauch handelt. DieZuckertüte für die Geschwister eines Neugeborenen wieder istnach diesen bildhaft- mythischen Vorstellungen vom Kinderbrin-ger, vom Storch, mitgebracht, sie ist gewissermaßen ein Zeugnis

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