der Kulturträger“ war und von dem die anderen nicht nur Wohn-kultur und Wirtschaftsleben, sondern auch„ gar manches Brauch-tum Glossar ::: zum Glossareintrag tum" entlehnten.
Diese Akzentuierungen wiesen der Sprachinselvolkskunde inden folgenden Jahren die Richtung. Wie die Verfasserin, derenvolkskundliche Arbeit am Südostdeutschtum sich jetzt über zweiJahrzehnte erstreckt, ganz bewußt und rückblickend kritisch fest-stellt, kennzeichnete die Volksforschung jener Jahre im allge-meinen eine affektive Einstellung anderen Völkern gegenüber,die einen starken Gefühlston der Ablehnung mit einem einseitigverallgemeinernden schematischen Bild verband: dem Bild vomnachlässigen, schlampigen, lebenslustigen und unberechenbarleichtsinnigen Ost- und Südosteuropäer gegenüber demjenigenvom fleißigen, ordentlichen, sauberen, strebsamen und geistigüberlegenen Deutschen. Derartige Verzerrungen der Wirklich-keit, von der damaligen Politik mißbraucht und mit immer neuenImpulsen versehen, führten notwendig zu jener unheilvollenGeisteshaltung, die die moderne Psychologie als ein„ Stereotyp"bezeichnet: eine enge Beurteilung, die betont wertend lediglicheinen Eigenschaftskomplex hervorhebt und andere Qualitätenfür Ausnahmeerscheinungen hält 20). Die Lektüre der hier zitiertenUntersuchung über nationale Vorurteile stimmt sehr nachdenk-lich. Der Sprachinselforscher kann den Vorwurf kaum widerlegen,daß die festgewurzelte Vorstellung vom deutschen Kolonisten als,, Herrenmensch“ und dem„ Kulturgefälle“ zu seiner„ fremd-völkischen Umwelt" zu Entfremdungen von der Wirklichkeitführte, die nicht wenig zum Haß der ständig als minderwertigbeurteilten Umvölker und damit zum späteren Unglück derdeutschen Minderheiten beigetragen haben. Denn wer wollteernstlich behaupten, daß Fleiß und Strebsamkeit die einzigenkulturschaffenden Werte dieser Erde seien, und wer könnte sichdem Gegenargument der anderen verschließen, die in dem oftfreudlosen Rackern und Sparen der Schwaben eine innere Ver-armung des Lebens erblickten und eine ständige Herausforderungan ihre eigene, vielleicht trägere, aber auch buntere Welt!
Mit Interesse lesen wir in unserem Zusammenhang BartóksAusführungen aus dem Jahre 1943, in denen er im Gegensatz zuder damaligen allgemeinen politischen Propaganda darauf hin-weist,„ daß es bei den Bauern keine Spur von grimmigem Hafgegen andere Völker gibt und nie gegeben hat. Sie leben fried-
20) Kripal Singh Sodhi und Rudolf Bergius, Nationale Vor-urteile. Eine sozialpsychologische Untersuchung an 881 Personen. Berlin
1953.
29