Beitrag zur Wallfahrtsvolkskunde von Sardinien
Ein Reisebericht
Von Rudolf Kriss
Mit 39 Aufnahmen von Hubert Kriss- Heinrich
Unsere im Jahre 1954 nach Sardinien unternommene Studien-reise war in erster Linie der Erforschung des sardischen Votiv-wesens gewidmet; doch ergab sich dabei immer wieder Gelegen-heit zu Beobachtungen auf verwandten Gebieten. Wir behandelndaher zweckmäßigerweise das Votivwesen im Zusammenhang mitden Wallfahrtsbräuchen, mit welchen es ja ohnedies in engerVerbindung steht. Es wird sich dabei zeigen, daß die religiöseVolkskunde Sardiniens ein durchaus eigenständiges Gepräge be-sitzt, das sich von der des italienischen Festlandes unterscheidetund das, wie wir glauben möchten, vor allem in der geschichtlichenEntwicklung der Insel begründet ist. Wo sich solche Bezüge miteiniger Deutlichkeit sichtbar machen lassen, werden wir nichtversäumen entsprechende Fingerzeige zu geben.
Bei den Votivgaben im engeren Sinne werden solche ge-schichtliche Abhängigkeiten allerdings weniger in Erscheinungtreten hier steht das allgemein Menschliche,„ das zeitlos Primi-tive Glossar ::: zum Glossareintrag tive", besonders stark im Vordergrund. Gerade in Sardinienkonnten die Opfergaben, wie sich zeigen wird, im Gegensatz zumübrigen Italien der Nivellierung des letzten Jahrhunderts weitstärkeren Widerstand leisten. Ihre urtümlichen Formen und ihreVielfalt übertreffen auch heute sogar noch jene von Unteritalienund Sizilien. Wie ich bereits im Jahre 1951 ¹) erwähnte, kennenOber- und Mittelitalien derzeit mit wenigen Ausnahmen in dennördlichen Alpentälern und in dem eine Sonderstellung einneh-menden Südtirol fast nur noch silberne Herzen; in Unteritalien,mit Neapel als Mittelpunkt, sind heute zwar auch nur mehr sil-berne Votivgaben in Gebrauch( die von mir noch im Jahre 1930entdeckten Wachsvotive existieren heute nicht mehr, sie sindsamt der in Neapel auf der Piazza del Mercato befindlichen Wachs-zieherci Santoro, welch letztere den Bomben des zweiten Welt-
1) Rudolf Kriss, Votive und Weihegaben des italienischen Vol-kes( Zeitschrift für Volkskunde, N. F. Bd. II( 40), Berlin 1931, S. 249 ff.).
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