Jahrgang 
58 (1955) / N.S. 9
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Da bei jedem Brotbacken das Brot des Jüngsten doppelt sogroß aufläuft, macht die Frau ihrem Manne davon Mitteilung,den diese Wunderzeichen bedenklich machen und Unheil fürseine Person befürchten lassen. Bei der nun folgenden Auflösungdes Dienstverhältnisses sollen die Brüder um ihren Lohn gebrachtwerden. In der hellenischen Heldensage sind es Apollon, Poseidonund Aiakos, denen Laomedon den Lohn für den Bau der Be-festigungsmauern von lion( Troja) vorenthält. In den Volks-märchen ist es ein öfters wiederkehrender Zug, daß der Heldund seine Helfer um den Lohn ihrer Arbeit gebracht werdensollen( so Grimm, KHM Nr. 71, Sechse kommen durch die ganzeWelt). In der vorliegenden Sage will der verblendete König dieLohnforderung mit einer Verhöhnung beantworten. Damitkommen wir zum Angelpunkte der ganzen Sage, der bisher nichterkannt wurde.

Mit wenig Strichen wird das Bild gezeichnet. Durch dasRanchloch des Bauernhauses fällt das Sonnenlicht herab und bil-det auf dem Boden goldene Kringel. Der König weist auf sieund sagt: Da gebe ich euch passenden Lohn 2). Verblüfft stehendie zwei älteren Brüder, aber der jüngste nimmt sogleich seinMesser, umzieht damit das Sonnengold und schöpft dreimal davonin seinen Gewandbausch. Danach verlassen die drei Brüderden Hof.

Die Umschreibung des Sonnengoldes mit dem Messer be-deutet hier dessen Besitznahme. Man nimmt ein Landstück nachaltem Brauche u. a. dadurch in Besitz ³), daß man es umschreitet,umreitet. umpflügt oder mit dem Riemen einer zerschnittenenHaut( Hirschhaut in der Melusinensage, Stierhaut bei Dido,Vergil. Aeneis, 1, 371) umschließt. Über die Bedeutung der Hand-lung mit dem Sonnengolde werden wir später ausführlich zusprechen haben. Der König muß erst durch seine Berater überdas Törichte seines Verhaltens aufgeklärt werden. Nun schickter Reiter aus, die drei Flüchtlinge zu töten.

Es folgt das Motiv der Flucht im Märchen, gewöhnlich als,, magische Flucht bezeichnet. Die drei Brüder setzen mühelosüber den Fluß. Als die Verfolger aber nahen, ist dieser so ange-schwollen, daß sie nicht hinüber können. Dieser Fluß ist dieGrenze zwischen Binnen- und Außenwelt und nur die vomSchicksale Bestimmten vermögen das Hindernis zu überwinden.

2) Diesem Schein lohne können Scheinbußen gegenüber-gestellt werden: z. B.: wird der Übeltäter zum Richtplatze gebracht, sosoll ihm die Erde seines Schattens weggestochen werden. Grimm.Deutsche Rechtsaltertümer. Bd. II, S. 252.

3) Grimm. Deutsche Rechtsaltertümer. Bd. I, S. 119, 122, 329.

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