Volkskunde zwischen Wirtschaftsgeschichte
und Kulturgeographie
Von Leopold Schmidt
Das Thema bedarf einer gewissen Rechtfertigung: es geht,wie so oft in der Geschichte einer Wissenschaft, darum, sichRechenschaft über den Stand in der Zeit abzulegen, um die Grund-frage, welche Lebensberechtigung die eigene Disziplin im Kreisder benachbarten Fächer und im Ganzen der Geisteswissen-schaften besitzt. Für den Gelehrten, der sich mitten in der Arbeitan seinen Problemen befindet, gibt es diese Frage kaum. Erstwenn man durch das Geschick gezwungen wird, von dieser Arbeitab und zu aufzublicken, sieht man sich in die Lage versetzt. deneigenen Standort neu zu umschreiben, sich selbst zur Bestätigung,und der Umwelt vielleicht zur Klärung. Es treibt uns also wiedereinmal die Suche nach dem Sinn unseres Tuns, und es sind dieaktuellen Bewegungen der Gegenwart, die eine solche Suche alsoexistenznotwendig erscheinen lassen.
Um die Suche nach dem Sinn unserer Volkskunde gegen-ständlich faẞbar zu machen, wollen wir uns an einem Beispielorientieren. Ein schlichtes Exempel aus dem Bereich des Volks-brauches sei zunächst ausgebreitet, an ihm mögen dann einigeder Wendungen unserer Forschungsgeschichte klargemacht wer-den, um schließlich das Verhältnis des Forschungsgegenstandeszu unserer gegenwärtigen Einstellung sowie den Ausblick aufunsere gesamte Volkskunde als ein immerwährendes Anliegen andie Welt der Erscheinungen faßbar zu machen.
Franz Grillparzer hat in den Jahren von 1819 bis 1823 seinTrauerspiel„ König Ottokars Glück und Ende" geschrieben ¹). Erzeichnete den gewaltigen Böhmenkönig, diesen bedeutendstenVertreter der späten Stauferzeit, historisch weitgehend quellen-treu, wenn auch als zu Recht unterliegenden Gegner Rudolfsvon Habsburg. Ottokar ist bei Grillparzer der maßlose Herr-scher, der seine Reichsidee in sich trägt. ohne die Gnade der
1) Nagl- Zeidler- Castle, Deutsch- Österreichische Literatur-geschichte. Bd. II, S. 702 ff.Leopold Schmidt, Grillparzer und das Volkstum( Jahrbuch derGrillparzer- Gesellschaft. Bd. XXXIV. Wien 1937, S. 28 ff.).
1