Jahrgang 
53 (1950) / N.S. 4
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,, Als Traditionsgläubigkeit und Traditionsgebundenheit bezeichnetWeiß daher jene geistig- seelische Haltung des Menschen, welche eineÄußerung, eine Handlung, eine Sache( ,, Traditionsgut") einfach deshalb fürwertvoll, richtig oder gut hält, weil sie in einem bestimmten Kreis( Tra-ditionskreis) herkömmlich und überliefert ist.

Ihr steht die wissenschaftliche Geisteshaltung gegenüber mit ihrenifaustischen Trieb rastlosen Fortschrittes. der seit der Aufklärung herr-schende Glaube an eine unendliche Perfectibilität. Dochwird auch dieser Glaube" zu Zeiten besonders in unserer erschüttertdurch ein geheimes Grauen vor der unaufhaltsam wachsenden Zivilisa-tionsapparatur". die als Ganzes selber immer mehr einen irrationalen. näm-lich einen dämonischen Aspekt" bekommt. Man kann diesen rationalistischerstandenen und doch wieder ins Irrationale mündenden Fortschritts-glauben, der nun seinerseits traditionell wird, mit Fug als eine Perver-tierung der Traditionsgläubigkeit" bezeichnen.

Gegen haltlos blinden Fortschrittsglauben ist das volkstümliche Ver-harren als Schutz, mindestens als Bremse nötig, was übrigens W. H. Riehlschon vor hundert Jahren erkannt hatte, wenn er seine Mächte des Be-harrens denen der Bewegung als naturnotwendige Hemmung des sonstdurch Zentrifugalkraft zersplitternden Kulturrades entgegengestellt hatte.Es ist also abwegig, den volkstümlichen Traditionsglauben als SchädlicheTrägheit oder Dummheit zu bezeichnen. Traditionelle Bindung und fort-schrittliches Wagen müssen sich vielmehr ergänzen, um den Rhythmus derKulturentwicklung zu sichern.

So viel über Gemeinschaftsgebundenheit und Traditionsgläubigkeit.Wie verhalten sich nun die verschiedenen volkstümlichen Gemeinschaftenzu den ebenfalls sehr zahlreichen Traditionskreisen? Hier liegen die Dingekeineswegs einfach. Denn Traditionskreise( z. B. die Art des Grußes, desLiedersingens, des Siedelns und Wohnens, der Tracht usw.) können sichwohl mit Gemeinschaften der Lebens- und Berufsgenossenschaft decken,müssen es aber nicht. Sie tun es z. B. bei einem gemeinsamen Heimatlied,aber auch bei einer Berufstracht oder bei den Farben einer studentischen.beim Ordenskleid einer klösterlichen Gemeinschaft. Doch gibt es anderseitszahllose Traditionskreise, die gerade bei volkskundlich wichtigen Tradi-tionsgütern wahrhaft weltumspannend sein können, man denke an gewisseprimitive Glossar ::: zum Glossareintrag primitive Glaubensvorstellungen( Fruchtbarkeitsriten. Lebensbaummythen,Lärmabwehrbräuche usw.), an Märchenmotive, an Totenkulte u. ä., wie esgegenteils auch sehr kleine, lokale oder familienhafte Traditionskreise gibt,Das alles zusammen ergibt in Wirklichkeit viele und komplizierte Über-schichtungen und Umfassungen mit den auch recht zahlreichen volkstüm-lichen Lebensgemeinschaften, so daß eine wissenschaftliche Entwirrungsehr oft keine leichte Sache ist. Freilich ist all das nicht starr, sondernlebendig im Flusse, wobei sich bestimmte Gruppen von Traditionskreisenmehr oder minder in den Bereich von volkstümlichen Gemeinschaften ein-oder sich ihnen doch anpassen. Das trifft besonders für die Dorfgemein-schaften zu. In diesem Ein- und Anpassungsprozeß, etwa in der zweck-mäßigen Auswahl von Traditionsgütern( Geräten Trachten. Bauarten usw.)werden solche von den Gemeinschaften mehr und mehr als eigen" empfun-den und gestalten ihrerseits wieder die Gemeinschaften, mit denen es dieVolkskunde zu tun hat. Die dörfliche ebenso wie die städtische, oft auchnur auf Stadtteile beschränkte Gemeinschaft wird gerade dadurch zurHeimat, die dem volkstümlichen Menschen seine Welt bedeutet. Siebestimmt auch seinen Standpunkt zu allen von außen hereingebrachtenDingen( etwa den staatlichen). Der einzelne fühlt sich in seiner Gemein-schaft mit ihren Traditionsgütern geborgen und daheim. Wird er aus ihnenherausgerissen, so dünkt er sich elend"( fremd) und fühlt sich als ein

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