Daseins( 22). Kultur kann man nicht„ machen“, sondern sie muß wachsen,man kann nur die Kräfte ihres organischen Wachsens fördern. Wollen wiraus unserem gegenwärtigen geistigen Elend wieder zu höherer Kulturemporsteigen, so muß im einzelnen Menschen ein Wandel eintreten. DerAufstieg ist nicht möglich, wenn wir nicht radikal alles tun, was zurMehrung des Guten zu tun ist... alles Hassen, alles Vernadern, allesRohe und Lieblose und auch alle Gleichschaltung muß aus unserm Herzenausgerottet werden“( 27).„ Nicht dort wächst Kultur, wo es Glück gibt,sondern umgekehrt, dort mehrt sich Glück, wo es Kultur gibt“ und„, nichtdas Glück, sondern das Leid ist die Mutter eines besseren Zeitgeistes"( 29).In Zeiten, da Sattheit, Sicherheit, Reichtum verbreitet ist, worunter viel-fach das Glück verstanden wird, leiten nicht Kulturfortschritt sondernKulturniedergang ein.
Schöne Gedanken bringt besonders auch das dritte Kapitel, das vomVerhältnis von Volkskultur und Hochkultur handelt; beide sind keineswegsGegensätze, weil sie beide wirkliche Kultur, d. h. gepflegte Lebensform"( 35) sind. Den Unterschied zwischen beiden gibt G. wieder mit den Wor-ten: In der Hochkultur herrscht der individuelle Gestalter, der Künstler,der Tonkünstler, der Dichter, der Architekt, in der Volkskultur ruht diegestaltende Form auf dem Brauch der Gemeinschaft“( 36). Sehr zeitgemäßsind die Ausführungen des fünften Kapitels, das die Volkskultur in Öster-reich zum Gegenstand hat und ihr Wesen zu erklären sucht. Zum Schön-sten im vorliegenden Buch scheint mir die Schilderung zu gehören, die Û.vom Gottesdienst in einer obersteirischen Kirche gibt, wie er ihn hier vorJanren am Dreikönigstag erlebte. In dieser Schilderung der gemeinsamvon Priester und Volk getragenen Feier tritt uns der Zusammenhang vonVolkskultur und Volksreligion in einem schönen und gemütvollen Bild vorArgen( S. 57 bis 61).
Aus reichen eigenen Erfahrungen G.s schöpft die erste Abhandlungdes zweiten Hauptstückes: Volkskunde und Heimatpflege. Es sind sehrbeachtenswerte Grundsätze, die hier für die Pflege der Volkskultur, diemit der Heimatpflege zusammenfällt, aufgestellt werden. Die Heimatpflegesoll nicht so sehr im Gestalten ihre Aufgabe sehen, sie soll nur mit Vor-sicht und Zurückhaltung regelnd in das bodenständige Kulturleben ein-greifen, wohl aber soll sie trachten, alles zu verhindern, was dessen orga-nische Entfaltung hemmt und verfälscht. Sie muß sich auch dessen bewußtbleiben, daß Volkskultur getragen wird von der Gemeinschaft, währendHochkultur vom Individuum und seinem gestaltenden Willen ausgeht.
Weitere Ausführungen befassen sich mit dem Bestand von Sitte undBrauch und den Möglichkeiten ihrer Erhaltung und Förderung. Wichtigesüber die Beziehung von Brauch und Kult wird besprochen. Jede echteBauernsitte ist letzten Endes Kult, d. h. religiöse Übung, ia man kann dasganze Gebiet des Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtums mit Fug als Liturgie des Volksglaubens be-zeichnen"( 87). Hiefür werden zahlreiche Beispiele angeführt. Der Bauerist in erster Linie Träger alter Sitte und Träger alten Brauches. Im zahlen-mäßigen Rückgang des Bauerntums im Verhältnis zu den übrigen Volks-schichten, also mit der zunehmenden Entbauerung und Verstädterung desVolkes, ist auch Sitte und Brauch mehr und mehr aus dem Volkslebengeschwunden, andererseits. hat die im bäuerlichen Volk zutage tretendeNachahmung städtischen Wesens in ähnlicher Weise zugenommen, wie dieZahl der nicht- bäuerlichen Bevölkerung sich erhöhte. Sitte und Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumhaben vor allem ihre Zuflucht in der Kirche gefunden, die seit jeher ingroßzügiger Weise altes Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum aufgenommen und verchristlicht hat...Wir stehen heute buchstäblich so, daß nur noch die Kirche und derKirchenraum die letzten Zufluchtstätten jeglicher bäuerlicher Tradition
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