unternimmt ein Baustatiker den ungewohnten Versuch, traditionelle Formenvolkstümlichen Bauens aus deren statischen Notwendigkeiten und deren„ Trag-verhalten" in den Einzelelementen abzuleiten und zu erklären. Thinius kommtdamit zu einer Gebäudelehre aus„, statisch- konstruktiver Sicht", wie er im Vor-wort sagt, die freilich notwendig wieder zu unserer heutigen Gefügeforschunghinführt und von deren Betrachtungsweise in der Hausforschung er nur insofernwesentlich abweicht, als bei ihm kaum hausbaugeschichtliche oder eben volks-kundliche Kriterien mit ins Spiel kommen.
Der Verfasser wertet dabei das umfassende Sammelmaterial aus den Bau-überlieferungen der Alpensüdtäler, Nord- und Mittelitaliens aus, das Hans Soederauf vielen Forschungsfahrten zusammengetragen hat und vor allem auf derSuche nach den„ Urformen abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag abendländischen Bauens" gefunden und gesehenhat 1). Thinius hat dazu„ in zehnwöchiger intensiver Auseinandersetzung" Nach-erhebungen in den Tälern des Tessin gepflogen und wurde so vermutlich auchals Architekt zu Betrachtungen animiert, die sich vor allem mit den extremenGegensätzen im Dachbau dieser Regionen auseinandersetzen. Statik ist an sichein Teilgebiet der Mechanik und als solches letztlich reduzierbar auf abstraktmathematische Funktionen. Diesen Weg beschreitet der Verfasser aber keines-wegs, sondern auch er betreibt„ Gefügeforschung" von den„ Dachformen" überdie ,, Dachkonstruktionen" bis zu den„, Vordächern". Die Resultate seiner Über-legungen, die er auch anhangsweise in einem Katalog von Begriffsbestimmungenzum Bauwesen zusammenfaßt, wären mit unseren bisherigen Bestimmungengewiß nützlich zu vergleichen. Das ist hier wohl nicht möglich, doch decken siesich in vielem.
Ob freilich eine solch„, statisch- konstruktive Sicht" ganz allein für uns auchin der Gefügeforschung schon zielführend wäre, ist sehr die Frage. Im herkömm-lichen Bauwesen überschreiten bekanntlich schon die einfachsten Konstruktions-elemente die bloßen rechnerischen Erfordernisse der Festigkeitslehre nach obenwie nach unten; Klaus Thinius umschreibt dieses wichtige Faktum unter demStichwort ,, Statisches Gefühl"( S. 107). Gefügeforschung in unserem Sinneumgreift dazu noch viel weitere Bereiche, die zum einen Teil auch von der reinenGestalt- und Formgebung her determiniert werden, zum anderen aber nach-haltig von historisch- genetischen Abläufen bestimmt sind, nach denen sie letzt-lich auch beurteilt werden müssen.
Das meint also, andersherum gesagt: Des Verfassers„ Vergessene Dächer"sind für uns zunächst„ Tessiner Dächer",„, Comasker Dächer" oder„ Dächer derToscana". Und wie die Dinge sich schon an Eisack und Etsch, an Donau, Drauund Save oder gar am Oberlauf der Marosch wieder ganz anders verhalten, solassen sich auch die Bauweisen von Mal zu Mal immer noch am eindeutigstennach den Kriterien verständlich machen, die eben eine regionale und verglei-chende Volkskunde in die viel weiteren Zusammenhänge des Volkslebens ein-ordnen, zumindest aber nach Raum und Zeit hinreichend ausdifferenzieren undgenauer festlegen muß.Oskar Moser, Graz
Karl- Olov Arnstberg, Datering av knuttimrade hus i Sverige( Dating corner- timbered houses in Sweden- Selected designs and decora-tions. English summary). Stockholm, Nordiska museet 1976. 314 Seiten,illustriert( Rotaprintdruck).
Das Nordische Museum in Stockholm hat dieses Handbuch zwar in beschei-dener Aufmachung, aber doch mit einem wohlausgebauten wissenschaftlichenApparat und mit durchgehenden, sehr klaren Faustskizzen, ferner mit einer Liste
1) Vgl. Hans Soeder, Urformen der abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag abendländischen Baukunst in Italienund dem Alpenraum. Köln( M. Du Mont) 1964.
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