Türkische Sagen und Legenden um Wien,die Stadt des Goldenen Apfels der Deutschen
Von Karl Teply
Die jahrhundertelange Auseinandersetzung mit den andrängen-den Türken hat unserem Volk mehr bedeutet als andere Kriege. Langeals eine die eigene Existenz an der Wurzel bedrohende ,, Volksnot"empfunden, löste sich nach der großen Wende der aufgestaute Druckin umso überschwenglicherem Jubel. Aber noch in dem feierlich-triumphierenden Lied vom Prinzen Eugen, dem edlen Ritter, fühlenwir die ganze Schwere der hinweggenommenen Last nachzittern. Sagen,Legenden, apokalyptische Prophetien, Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum, Türkengebet undTürkenglocke, Wallfahrten und Türkentaufen bewahren, in welch tiefeBewußtseinsschichten der Kampf mit dem„ Erbfeind christlichenNamens" gereicht hat ¹).
Kaum geben wir uns jedoch darüber Rechenschaft, daß auch aufder Gegenseite dieses Ringen mit ähnlichen Emotionen verbundengewesen ist. So konnte unbeachtet bleiben, daß die Osmanen die sichihrem Zugriff immer wieder( 1529, 1532, 1566, 1663, 1683) entzie-hende Stadt des Goldenen Apfels mit einem ganzen Kranz von Sagenund Legenden umgeben hatten. Als vollgültiges Zeugnis für die Artihres geschichtlichen Erlebens und Verstehens sollen sie im folgendenzum Gegenstand einer historisch- volkskundlichen Untersuchung ge-macht werden ²).
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1) Georg Schreiber, Das Türkenmotiv und das deutsche Volkstum( Volk und Volkstum, Bd. 3, München 1938, S. 9-54).- Gustav Gugitz, DasTürkenmotiv in den Gnadenstätten der Ostmark( Jahrbuch des Vereines für Lan-deskunde von Niederösterreich, Bd. 28, Wien 1943, S. 363-405). GustavGugitz, Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch, 5 Bde., Wien. 1955 bis1958.- Karl Teply, Türkentaufen in Graz( 1683-1696)( Adler, NF Bd. 9,Wien 1971, S. 49-57, 74-81).- Karl Teply, Türkentaufen in Wien wäh-rend des Großen Türkenkrieges 1683-1699( Jahrbuch des Vereines für Ge-schichte der Stadt Wien, Bd. 29, Horn 1973, S. 57—87).
2) Der Aufsatz ist die erweiterte und in einigen Abschnitten neu gefaßteWiedergabe eines am 27. November 1975 im Österreichischen Museum fürVolkskunde gehaltenen Vortrags. Für freundschaftlich gewährte Unterstützungmeiner Arbeit danke ich herzlich Dr. Richard F. Kreutel, Kabul, und Dr. ErichProkosch, Wien.
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