Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
Einzelbild herunterladen
 

hang rückt. Es werden sowohl die kirchlich- religiösen Bräuche behandelt, wiedas ,, wilde Nikolaustreiben", die Verbreitung des Weihnachtsbaumes ebenso wiedas Aufkommen des Adventkranzes, das Auftreten der häuslichen Weihnachts-krippe wie des Adventleuchters und zusammenfassende Beobachtungen überNikolausbescherung, Weihnachtsbescherung und Familienweihnacht überhaupt

geboten.

Durch das Abdrucken ganzer Berichte kann es passieren, daß man auchdas Einsickern alter Interpretationen, gewissermaßen als gesunkenes Kulturgut"beobachten kann. So schreibt ein 1877 geborener Pfarrer bei den Nikolaus-gebäcken in den Formen von Pferd und Hahn: Eigenartig war in Mettingendas Nikolausgebäck, keine Spekulatien, sondern aus Hefeteig geformte Hähnchenund Pferdchen... Vermutlich geht dieser Brauch zurück auf die Heidenzeit Glossar ::: zum Glossareintrag  Heidenzeit.Hahn und Pferd waren dem Wodan geweiht. Allvater Wodan war es, der denKindern Geschenke brachte. Das Christentum behielt den Brauch bei und gabihm einen christlichen Charakter. Nicht Wodan, sondern St. Nikolaus, SünnerKlaus', beschenkt jetzt die Kinder in der herkömmlichen Weise mit Hähnchenund Pferdchen"( S. 122). Nur gut, daß Karl Meisen das nicht mehr erlebt hat.Seine Bemühungen, den ganzen volkstümlichen Nikolauskult aus christlich- kirch-lichen Traditionen herzuleiten, sind offenbar vom Rhein nicht einmal bis West-falen gedrungen, wenigstens was die breite Schicht der Konsumenten der mytho-logischen Literatur des 19. Jahrhunderts betrifft. Ob man solche Stellen in denBand mitaufnehmen mußte? Je nun, das ist doch wohl Geschmackssache. Ichhätte zumindest eine kritische Anmerkung dazugesetzt, schließlich kommen dochdiese Hefte wieder zu den Gewährsleuten des Archivs in Münster hinaus.

Aber von solchen Kleinfunden abgesehen ist es natürlich ein sehr nütz-licher Band, der zeigt, was die Befragung der alten Gewährsleute ergibt. NurBildmaterialien konnten sie für die Zeit um 1900 so gut wie gar nicht erbringen.Daher bietet der Bildanhang einigermaßen unvermutet Material aus dem Gegen-wartsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag wartsbrauchtum nach dem Zweiten Weltkrieg, was selbstverständlich durchausbegrüßt werden kann.Leopold Schmidt

Kurt Mantel, Geschichte des Weihnachtsbaumes und ähn-licher weihnachtlicher Formen. Eine kultur- und wald-geschichtliche Untersuchung. X und 301 Seiten( vervielfältigt) mit 53 Abbil-dungen und 5 Graphiken auf 37 Tafeln. Hannover 1975, Verlag M. undH. Schaper. DM 28,--.

Über den Christbaum gibt es sehr viel Literatur und ein nicht geringerTeil davon wiederholt dauernd Belege und Bilder, die schon längst bekannt sind.Auch Kurt Mantels Buch tut das in reichem Ausmaß, hat aber doch seine Eigen-bedeutung, weil es die baum- und waldgeschichtliche Komponente betont. Wennallein in der Bundesrepublik Deutschland jährlich nicht weniger als über 16 Mil-lionen Christbäume aufgestellt werden, so muß das auch waldgeschichtlich zuverfolgen sein. Tatsächlich werden ja längst vielfach eigene Tannenpflanzungenangelegt, die für den Christbaummarkt bestimmt sind, und auch die Einfuhrenvon Christbäumen, also die sogenannten, dänischen" Tannen, haben damit vielzu tun. Die Kapitel Mantels, die sich mit den Holzarten des Christbaumesbeschäftigen, mit blühenden und immergrünen Laubbäumen wie mit Nadelhöl-zern und schließlich mit dem Tannenbaum- Ersatz, sind also auch für uns wert-voll. Interessant auch das Kapitel über das O- Tannenbaum"-Lied, das an sichmit Weihnachten gar nichts zu tun hatte, ihm aber allmählich angenähert wurde.Es ist schade, daß Mantel die österreichischen Verhältnisse offenbar fastgar nicht kennt und vor allem die gesamte neuere österreichische Christbaum-Literatur einschließlich der Kommentarkapitel Richard Wolfram s im Öster-

250