Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
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kommt die ,, Leserforschung", es werden die Konsumenten populärer Lesestoffeim 19. Jahrhundert" aufgespürt. Es waren, wie Schenda glaubt, kleine Leute",worunter hier nicht wie in der Sagenforschung Zwerge zu verstehen sind. Eineigenes Kapitel ist den, Materialien zu einer Geschichte des Bilderhandels amOberrhein" gewidmet. Kenner der Materie erinnern sich vielleicht daran, daßAdolf Spam er einstmals( 1938) ausführlich über Weißenburg im Elsaß alsBilderbogenstadt" gehandelt hat. Schenda kennt auch die französische Literaturzu dem Thema sehr genau. Dieser Beitrag steht der Volkskunstforschung amnächsten. Da kann man sich beispielsweise S. 52 folgendermaßen über die Drei-faltigkeit als Dreigesicht belehren lassen: Die Lithographie der heiligen Drey-faltigkeit von E. Lemaitre in Strasbourg konnte im protestantischen Teil desElsaß nicht als adäquate Darstellung des Trinitätsgedankens gelten und wurdefolglich 1851 verboten." Dazu gehört die Anmerkung 55 auf S. 150: Die Dar-stellung... des dreigesichtigen Kopfes akzeptierte... die gesamte abendländische Glossar ::: zum Glossareintrag  abendländischeVolkskunst", meint L. Kriss- Rettenbeck: Bilder und Zeichen religiösen Volks-glaubens, München 1963, 80, und Fig. 260, 261. Gewiß- aber die Herrschendendachten oft anders!" Ja, Ja, die Herrschenden und dann wieder die von ihnenbeherrschten Kleinen Leute"!- Ein weiterer Abschnitt bringt Beiträge zu ,, Kri-tik und Zensur der populären Lesestoffe im Vormärz". Zwischen Unterdrück-ten Zeitblättern" und der Erlaubten Literatur" gibt es für Schenda da einigeszu monieren. Möglicherweise glaubt er sogar, was er schreibt, etwa auf S. 69:... daß die, Honoratioren' den arbeitenden Klassen den Zutritt zur höherenBildungswelt strikt untersagten." Ein anderes Kapitel schneidet er mit Schund-literatur und Kriegsliteratur" an. Die hurrapatriotische Literatur des ErstenWeltkrieges ärgert ihn noch 60 Jahre nachher. Und der folgende Beitrag ZurViolenz im populären Roman" schließlich war Schendas Antrittsvorlesung 1970in Tübingen. Daß er da über Ganghofer oder über die Courths- Mahler loszieht,wird niemanden verwundern. Kunst ist das heute wohl keine mehr. Aber ,, Kunst"hätte ich nicht schreiben sollen, denn auf S. 115 fällt das merkwürdige Diktum:,, Kunst um einmal dieses scheußliche Wort zu verwenden..." Nein, es sollnicht mehr geschehen, wenigstens nicht in diesem Zusammenhang.- Schließlichfolgt noch der Abschlußbeitrag Die Lesestoffe der Beherrschten und die herr-schende Literatur." Und man bemerkt daraus gelegentlich, daß es sich beiSchenda um marxistisch- leninistische Literatursoziologie handelt, was den ewigenSchaum vorm Mund bei den Worten Herrschern", Beherrschten" usw. ver-stehen läẞt.

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Schenda ist ein ungemein gescheiter, gebildeter Mann, der zu einem großenWissen einen gewaltigen Fleiß besitzt. Aber wenn man seine Beiträge, und vorallem die Anmerkungen dazu liest, dann hat man wie schon bei seinen früherenVeröffentlichungen den Eindruck, daß er so sehr gegen alles oder doch fastalles kämpft, nichts rundum gelten läßt, daß man wohl nicht einmal glaubenmag, er könne die Rolle des Hechtes in einem Karpfenteich spielen, wo immerman diesen suchen könnte. Es gibt eine neuwienerische Parodie auf SchillersLied an die Freude mit dem bezeichnenden Anfang Alle Menschen san mazwider...". Diese Stimmung glaubt man bei Schenda immer wieder heraus-zuhören und muß darüber wohl eher bestürzt als nur nachdenklich sein.

Leopold Schmidt

Die Darfelder Liederhandschrift. 1546-1565. Unter Verwendung der Vorarbei-ten von Arthur Hübner und Ada- Elise Beckmann. Herausgegeben von RolfWilhelm Brednich. 288 Seiten, 12 Abbildungen auf Tafeln. Münster1976, Verlag Aschendorff. DM 38,-.

Die alten Handschriften von Gesellschaftsliedern, meist voll von Liedern,die man dem älteren Volkslied zugeordnet hat und die offenbar in der adeligen

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