Feldforschungsnotiz zum Judasbrennen
Von Walter Puchner
Nach der Veröffentlichung einer Zusammenstellung der Brauch-morphologie des Judasbrennens im südbalkan- mediterranen Raum ausNachrichten in Archivbeständen verschiedener volkskundlicher Institu-tionen in Athen ¹) sei hier ein Brauchtyp nachgetragen, der von denbisher erfaßten in seiner Eigenart etwas abweicht und für die südöst-lichen Teile der Halbinsel Chalkidiki charakteristisch erscheint. Inden Jahren 1976 und 1977 konnte am Karsamstag in den DörfernMegali Panagia( 8 km von Palaiochori am ca. 90. Kilometer der Auto-straße Thessaloniki- Uranupolis) und Gomati( 13 km südöstlich vonMegali Panagia auf schlechter Erdstraße) am Platz vor der Kirchejeweils eine Judasfigur beobachtet werden, die hoch oben auf einemkunstvoll geschichteten Berg von Reisig und Zweigen angebracht war.
In Megali Panagia war das lose übereinandergeworfene Platanen-reisig von vier etwa 6 m hohen jungen Baumstämmen eingegrenzt. Dienicht sehr sorgfältig hergestellte, grotesk verunstaltete Judaspuppebestand aus zusammengenähten alten Kleidern, mit Blättern gefüllt,und war auf einer Plattform in etwa 5 m Höhe, gebildet durch zwischenden Stammenden verlaufenden Querhölzern, angebracht. Die Reisig-schichten reichten nicht ganz bis zur Plattform hoch, was zur( inAbfragungen dann bestätigten) Annahme führte, daß zuerst das Skelettdes ,, Scheiterhaufens" mit der Plattform errichtet wird und dann erstder Zwischenraum mit Reisigbündeln ausgefüllt wird. Die Errichtungder turmartigen Brandstätte sowie der Judasfigur ist Aufgabe der Kin-der und beansprucht nach deren Angaben etwa zwei bis drei Tage. DerReisighaufen wird nach der Verkündigung der Anastasis kurz vor Mit-ternacht auf dem Platz vor der Kirche durch den Priester von denGläubigen in Brand gesteckt.
Wesentlich komplexer gestaltet sich die Zeremonie in dem abge-legeneren Gomati. Der Judasturm ist hier wesentlich schlanker, sorg-fältiger geschichtet und höher. Das Reisig wird hier zwischen dreischlanken Föhrenstämmen, die in Erdlöchern am Platz vor der Kircheverankert sind, ein gleichschenkeliges Dreieck bilden und parallel nach
1) W. Puchner, Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslaufund ihre Beziehungen zum Volkstheater. Wien 1977(= Veröffentlichungen desÖsterreichischen Museums für Volkskunde, XVIII). 161 ff., 184 f., Fig. 6.
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