Das volkstümliche rumänische Theater
Von Horia Barbu Oprisan
Das volkstümliche Theater bildet eines der interessantesten undeigentümlichsten Kapitel der rumänischen Volksliteratur und nimmtunter den übrigen Gattungen derselben eine Sonderstellung ein. Reich-tum, einzigartige Mannigfaltigkeit und Struktur sichern ihm sogar imRahmen der gleichartigen europäischen Erscheinungen einen Ehren-platz. Aber nicht nur diese Merkmale unterscheiden es von seineneuropäischen Geschwistern, sondern auch sein Ursprung, sein Gehalt,der innere Aufbau, seine Entwicklungsgeschichte und sein Doppel-dasein als Theater und Volksdichtung.
Die Sphäre des volkstümlichen Theaters umschließt all jene Ver-anstaltungen schauspielhaften Charakters, die in Stadt und Land ge-pflegt werden und ihren Höhepunkt während der Winterfeiertage undnamentlich zu Neujahr, erreichen. Ähnliche Vorführungen gibt es auchdas Jahr über, ihre Anzahl, Importanz und Anziehungskraft fallen je-doch nicht ins Gewicht. Im Gegensatz zu den abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag abendländischen Völkernkennt der Rumäne den Karneval und das daraus hervorgegangeneVolksschauspiel nicht. Die Mehrzahl seiner Volksstücke gelangt wäh-rend der Weihnachtstage und am Silvesterabend zur Aufführung, dieübrigen, die im Laufe des Jahres vorgeführt werden, sind Bräuche mitmehr oder weniger betontem Schauspielcharakter.
Die Spielzeit des volkstümlichen Theaters ist von kurzer Dauer.Sie erstreckt sich während eines ganzen Jahres auf die drei Weih-nachtstage und Neujahr. An diesen Tagen„ zieht man mit dem Stückherum", wie der landläufige Ausdruck lautet, dessen man sich in Krei-sen dieses Theaters bedient. Die Truppe wandert in ihrem Heimatdorfoder auch in Nachbardörfern herum, sie gastiert in jedem Haus, dassich ihr öffnet, und spielt bei schönem Wetter im Freien, im Hof, beischlechtem in der Stube.
Das volkstümliche Theater hat kein Lokal, keine Bühne undkeine Dekoration. Verwaltung, Regie- und künstlerische Organe, wiesie beim gewerblichen Theater üblich sind, sind ihm unbekannt. Dasvolkstümliche Theater darf nicht mit dem Laientheater verwechseltwerden. Es ist improvisiertes Theater im wahrsten Sinne des Wortes,die Truppe wird alljährlich zwei oder mehrere Wochen vor Weihnach-
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