Man sieht, daß auch eine derartige, übrigens vorbildlich ausgestattete,schön gedruckte Festschrift aus einer verhältnismäßig wenig bekannten südwest-deutschen Landschaft für uns durchaus von Bedeutung sein kann, und wirdBeiträgern und Herausgebern dafür dankbar sein. Leopold Schmidt
Peter Dinzelbacher, Judastraditionen.(= Raabser Märchen- Reihe, 2.)Wien, Selbstverl. d. Österr. Museums f. Volkskunde, 1977; brosch., 100 Sei-ten, 8 Abb., S 72,-.
Vom Mediävisten Peter Dinzelbacher haben wir bereits sein kulturhistorisch-religionswissenschaftlich- volkskundliches Buch„ Die Jenseitsbrücke im Mittelalter"( Wien, Diss. d. Univ. Nr. 104, 1973). Hier nun deht der Vf. den Traditionen umdie Gestalt des„ Erzverräters" nach, wie sie über sein( fiktives?), von Legendenund Apokryphen umranktes„ Leben" spätestens seit dem 11. Jh. breiter ins euro-päische Bewußtsein der Heilsgeschichte und der Legendenromane mit sehr vielenÜberkreuzungen, zumal jenen aus der Ödipus- Überlieferung, eingingen. DieQuellenfülle zu dieser Schlüsselgestalt der christlichen Heilsgeschichte ist jedemLegendenforscher geradezu eine sichtbehindernde Last. Umso erstaunlicher wiees der Vf. hier vermag, weitere, bislang noch nie so wie durch ihn interpretierte,neu gewichtete Quellen zu erschließen, auszudeuten in den Denkmälern derSprache, vor allem der Bilder, Bühnenanweisungen usw. Dies jeweils in kompri-miertester Form. Daraus wird verständlich, daß es Dinzelbacher weniger umBrauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen etwa im Sinne des„ Judasverbrennens" u. ä.( vgl. W.Puchner, Forschungsnotiz zum Judasverbrennen in Griechenland. ÖZVXXXI/ 3, 1977, 229-231) geht als um ein in den verschiedenen Zeiten erstaun-lich stark schwankendes, früh aber, konsequent spätestens seit der Aufklärungpsychologisiertes" Judasbild. Gerade das Herausstellen der Funktionen desJudas, in ihm recht eigentlich die Projektion einer sich begründet schuldigfühlenden Wir- Gruppe zu sehen, die eben einen„ Sündenbock" zur Schuldent-ladung auf andere braucht, zeugt von kritischer Analyse stark divergierenderQuellenaussagen. Dies zumal auch dort, wo sich Theologie( Judas als„ notwen-diges Instrument" zur Erfüllung der Heilstat, als„ Werkzeug der Vorsehung"?)und( vorwiegend neuere) Hochdichtung( Mitleid mit dem„, armen Judas" bishin zur regelrechten Glorifizierung in„ The Kiss of Judas. Miracle Play withMusic, Rehabilitating the 12th Apostle" von Peter Ury, Hicksville, N. Y. 1976)sehr entscheidend um eine Art Psychologisierung( aus Grunderkenntnissen derPsychologie wie der Verhaltensforschung; vgl. 68, 85, 88 et passim) bemühen.Dabei sollen innerseelische Vorgänge( und nicht nur die früh schon angenommenepolithistorische Motivation des über seinen„ Führer" aus Enttäuschung erbitter-ten Anhängers einer antirömischen Befreiungspartei!) bis hin zur Unterstellungerotischer Beziehungen des Judas Ischariot etwa zu Maria Magdalena hervor-gekehrt, als Tatmotivationen hingestellt werden, die Gestalt des„ Verräters" demmodernen Leser näher zu bringen, ihn vor der Geschichte zu„, rehabilitieren". Inähnlicher dichterischer Psychologisierung von Heilsgestalten des Christentumswar bisher m. W. nur Nikos Kazantzakis( † 1958) in seinem( von dergesamten Ostkirche auch einhellig indizierten) Roman ,, Ho teleutaios peirasmos"( deutsch als„ Die letzte Versuchung", Berlin 1952) gegangen. Dinzelbachers Dar-stellung ist sehr dicht und knapp auch in den Quellenexzerpten, gleichwohl abergut lesbar und sehr reich in der wissenschaftlichen Dokumentation ausgestattet.Leopold Kretzenbacher
Carmen Blacker und Michael Loewe( Hg.), Weltformeln der Früh-zeit. Die Kosmologien der alten Kulturvölker. Aus dem Englischen über-setzt von Jochen Eggert. Köln 1977, Eugen Diederichs Verlag. 272 Sei-ten. DM 36,--.
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