Jahrgang 
82 (1979) / N.S. 33
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Potestas temporalis a Babilone devoluta ad Medos, inde ad Persos, post adGraecos, ad ultimum ad Romanos et sub Romano nomine ad Francos translata est. 20)schreibt der babenbergische Reichshistoriograph Otto von Freising im12. Jahrhundert. Parallel dazu verläuft für ihn aber auch die Entwick-lung der Wissenschaft. In Babylon entstanden, kam sie früh nachÄgypten:

Hinc translatam esse scientiam ad Graecos, deinde ad Romanos, postremo adGallos et Hyspanos diligens inquisitor rerum inveniet. Et notandum, quod omnishumana potentia seu scientia ab oriente coepit et in occidente terminatur. 21)

Für die deutschen Bedürfnisse mußte die Zivilisation am äußerstenwestlichen Ende Europas wieder umkehren, um ihren Weg nun wiederzurück nach dem Nordosten zu nehmen. Dadurch wurden die Deut-schen, was durchaus der tatsächlichen historischen Entwicklung ent-spricht, zu Nehmenden dem Westen, zu Spendenden den östlichen,, Barbaren Glossar ::: zum Glossareintrag  Barbaren"-Völkern gegenüber. Es ist dieser ideologische Überbauüber die Geographie der West- Ost- Erstreckung, der in unserem Tafel-bild die Steigerungsserien unter den letzten fünf bzw. drei Nationen mit-motiviert. Dieselbe Vorstellung steckt übrigens auch hinter HerdersProphezeiung einer historischen Rolle der Slawen für die Zeit, wennalso der geographischen Logik nach die Zivilisation bei ihnen in Blütesteht und anderseits der Logik des linearen historischen Fortschritts zu-folge überhaupt kulminiert. Dieselbe Vorstellung steckt in demOst- West- Gegensatz, wie er zum Schlagwortschatz der, westlichen"Nachrichtenmedien gehört, und der nichts weiter besagen möchte, alsHerder entgegenzuhalten, daß es noch nicht so weit ist.

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Aber schon im Mittelalter geht dieser Topos in die Literatur und somit in das Vorstellungsgut des Volkes über: In Chrêtien de TroyesRitterepos ,, Cliges" betont der Prolog, Gelehrsamkeit und Ritterwesenhätten sich von Griechenland über Rom nach Frankreich ausgebreitetund deutet an, daß das Ende der Entwicklung noch nicht gekommen ist:

Gebe Gott, daß sie dort verbleibt, und der Ort ihr so gut gefällt, daß sie niemehr aus Frankreich herausgeht. 22)

20) Otto von Freising, Chronica sive historia de duabus civitatibus V,36, zitiert nach Werner Goez, Translatio imperii, Tübingen 1 S. 117.

21) Otto von Freising, Prolog 1, zitiert nach Goez, a.a.O. S. 117.

22) Vers 36 ff., zitiert nach Ernst Robert Curtius, Europäische Literaturund Lateinisches Mittelalter, Bern 21954, S. 388.

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