Jahrgang 
83 (1980) / N.S. 34
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wahres Vergnügen, sich durch das so reich gebotene Hinweis- und Vergleichs-material durchzuarbeiten. Das gleiche gilt auch für die ,, Melodie- Kommentare"von Gottfried Habenicht, die erfreulicherweise mit den Textkommentaren harmo-nieren. Für das geläufige Liebeslied des 19. Jahrhunderts mit seinen vielfachenVerflechtungen wird man auf diese Kommentierungen stets gern zurückgreifen.Leopold Schmidt

Ingeborg Weber- Kellermann, Zur Interethnik. Donauschwaben,Siebenbürger Sachsen und ihre Nachbarn. SuhrkampVerlag. Frankfurt 1978. 399 Seiten.

Wo zwei Völker nebeneinander wohnen, sind gegenseitige Beeinflussungenfestzustellen. Umfang und Stärke der Einwirkungen hängen von vielen Faktorenab: ob geschlossener Volksboden oder kleine Splittergruppen, von wirtschaft-lichen, sozialen und politischen Unterschieden, u. a. m. Wer nun glaubt, auf fast400 Seiten ein objektives Bild über diese Verhältnisse im pannonischen Raumfrüher und jetzt oder über etwaige Gesetzmäßigkeiten zwischenvolklicher Bezie-hungen zu erfahren, wird etwas enttäuscht sein. Einige Beiträge, besonders die vonder Herausgeberin verfaßten, nehmen nur polemisch gegen bisher GeleistetesStellung- Vorwürfe, die teils falsch, teils überholt sind. Jede Wissenschaft, natür-lich auch die Volkskunde, wird von den Anschauungen, den Entwicklungen unddem Umfang des Wissensstandes geprägt, die sich im Laufe der Jahre oft gewaltigändern.

Schon vor langer Zeit hat die Sprachwissenschaft erkannt, daß abgesprengteVolksgruppen ältere Sprachzustände bewahren, und als sich die Volkskunde zueinem eigenständigen Wissenschaftszweig entwickelte, übernahm sie dieseErkenntnisse. Die volkskundliche Erforschung solcher Volkssplitter setzteallerdings sehr zaghaft und im wesentlichen erst in unserem Jahrhundert ein. Nachdem ersten Weltkrieg wurde die Erforschung besonders von jenen Forschern undSammlern vorangetrieben, die aus der Jugendbewegung( Wandervögel u. a.)hervorgingen. Es war schließlich nicht jedermanns Sache, in glühender Sonnen-hitze über staubige Straßen, bei Regen durch tiefen Kot oder im Winter gegenbeißende Schneeschauer ankämpfend, mit einem schweren Rucksack zu denverkehrsmäßig wenig erschlossenen Orten vorzudringen und dort, zwar bei auẞer-gewöhnlicher Gastfreundschaft, aber doch unter ungewohnten und oft primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitivenVerhältnissen mit der Bevölkerung mitzuleben. Ferner ist festzustellen, daß damalsschon Spezialisten am Werke waren. Es hatte sich bereits die Erkenntnisdurchgesetzt, daß z. B. zum Festhalten des Phänomens ,, Volkslied und-musikmusikalische, des Volkstanzes" auch choreologische Kenntnisse notwendig sind.

Es ist wohl verständlich, daß die Liedforschung bei der Fülle von lebendigenLiedern schon aus Zeitmangel sich mehr dem altartigen Liedgut, das damals schonim Verklingen war, zuwandte und Couplets u. ä. zurückstellte. Nicht ausAblehnung, sondern unter dem gleichen Zeitdruck und auch mangels ausreichen-der Sprachkenntnisse war ein Eingehen auf die volkskundlichen Erscheinungenbei den umwohnenden Völkern nur in beschränktem Maße möglich. Das deutsche

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