Jahrgang 
84 (1981) / N.S. 35
Einzelbild herunterladen
 

nicht abwarten können, weil die Wiegenforschung in der Zwischenzeit kaum vor-angekommen ist. Das großformatige und wuchtige Werk wagt erstmals denVersuch, die Kulturgeschichte der Wiege zu allen Zeiten und bei allen Völkern um-fassend darzustellen, wobei es wiederum an die ethnologischen Arbeiten Ende des19. Jh. anknüpft. Von volkskundlichem Interesse sind besonders die Kapitel überdie Chronologie der Wiege( S. 39-45), über die Wiege in der Volks-kunst, worin Zierrat und Symbolik behandelt sind( S. 57-66), und über dieTypologie der Wiege, die von den Trogwiegen über die Rücken-tragewiegen, Hängewiegen( Baumwiege, Balgschüttel, Baumel, Sack-schaukel, Lakenwiege, Ledertüte, Wippstangenwiege, Federnwiege, Gestellhänge-wiege), Kufenwiegen( Quer-, Längs-, Doppelsschwingwiege) bis zu denRollwiegen reicht( S. 67-104, 115–116). Unbegründet ist, daß die Korb- unddie Eisenwiege( S. 99-104) nicht den genannten Hauptformen der Wiege typolo-gisch zugeordnet, sondern außerhalb dieser behandelt worden sind. Das Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtumum die Wiege( S. 109-113), 116-124) unter dem Kapitel, Kuriosa" abzuhandeln,ist schier unverständlich; denn das profane und religiöse Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum ist Kernstückder Volkskunde schlechthin, kein exotisch Glossar ::: zum Glossareintrag  exotisch- fremder Teilbereich. Inhaltlich völligunzureichend ist der Abschnitt über die Wiege im Totentanz( der Begriff der,, Totentanzwiegen ist nicht geläufig) ausgefallen( S. 124-125). Die Totentanz-forschung ist inzwischen eine Spezialdisziplin innerhalb der Volkskunde geworden.Dieses umfangreiche Gebiet, wenn auch verengt auf Kind und Tod, in anderthalbSpalten zu behandeln, scheint geradezu vermessen. Kurz und prägnant der Text, dermit ganzen 111 Seiten( S. 17-128) auskommt. Nicht unproblematisch ist aber dieÜberfrachtung des Textes mit all dem, was eigentlich in einen eigenen Anmerkungs-teil gehört: bibliographische Angaben zu Veröffentlichungen, Quellenangaben,Lebensdaten wichtiger Personen. So sehr der Fachmann den wissenschaftlichenApparat begrüßen wird, so wenig vermißt ihn der interessierte Laie. Großartig dievielen Bilder, die in dieser Fülle nie zuvor in einem Buch zusammengetragen wordensind, wobei sie nur eine Auswahl des Bildarchivs des Autors darstellen( S. 24).Außerordentlich hilfreich ist der Beschreibende Katalog der Abbildungen"( S. 361-396), der die Bilder in 484 Kurzkapiteln ausführlich kommentiert undinterpretiert. Das bescheiden ,, Literaturverzeichnis" genannte Schrifttumsverzeich-nis mit sage und schreibe 885 Titeln könnte sich manche Doktorarbeit als Beispielnehmen. Dankbar greift man zu Personen- und zu Sachregister, vermißt aberschmerzlich ein Ortsregister. Bücher, die als Monographien alle Zeiten und Völkererfassen wollen, sind fast immer skeptisch zu beurteilen. Sie versprechen oft mehr,als sie halten können. Diesem Buch, dem man ansieht, daß es das Lebenswerk desAutors ist, kann man gern zugestehen, einen guten Überblick über die Kulturge-schichte der Wiege zu geben, auch wenn es regionale Einzelarbeiten mit bevorzugtvolkskundlichem Schwerpunkt künftig in keiner Weise zu ersetzen vermag.Helmut Sperber

Lexikon des Mittelalters. Erster Band, Lieferung 9 und 10. Insgesamt2108 Spalten. München und Zürich 1981, Artemis Verlag. SubskriptionspreisDM 348,-.

270