Die phrygische Mütze war es nicht
Zu den formprägenden Kräften der Linzer GoldhaubeVon Franz C. Lipp
Daß die Volkskunde dann, wenn sie sich von der bloßen Kunde und Beschreibunglöst, sich immer der ,, Psychologie" annähert, wurde nicht nur häufig festgestellt, sondernauch postuliert und immer wieder versucht. Dieses Feld der„ Hinterfragung“ undAusdeutung wurde vor allem- nicht in jedem Fall zum Nutzen des Themas- bei dersogenannten ,, geistigen" Volkskunde, mit Vorliebe der Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtums- und Aberglaubens-forschung, beschritten, nicht so häufig bei der Sachvolkskunde. Hier schien diefunktionelle Erklärung noch immer der primär angezeigte Weg zu sein, ergänzt durchprähistorische und historische Analysen, durch das Aufzeigen von Gesetzen, Verordnun-gen und Vorschriften, dann aber auch von Stileinflüssen und Modeströmungen. Dazukommt nun freilich gerade bei den Ethnographischen Wissenschaften die inkommensura-ble Größe ,, Volk", auf die doch wohl auch gewisse Unterschiede der Form bei sonstgleichbleibenden Voraussetzungen zurückzuführen sein werden. Gleich ein Beispiel:Warum gibt es zur selben Zeit aus der selben Wurzel, der Bodenhaube, heraus in demrelativ kleinen Raum zwischen Bregenz und Wien, Baden, Mürzzuschlag und Graz eingutes Dutzend verschiedenster Haubenformen, wo doch alle derselben Modeströmungunterliegen?
Die Frage: warum die Linzer Haube als eine von diesem Dutzend Goldhaubengerade so und nicht anders aussieht, möchte der Rezensent meiner Arbeit ,, Goldhaubeund Kopftuch", Leopold Schmidt( Österr. Ztschr. für Volkskunde XXXV/ 1, Wien 1981)näher beantwortet wissen und weist in diesem Zusammenhang auf die übrigens teilweiseschon vor mehr als hundert Jahren angestellten Vergleiche mit der phrygischen Mützeund dem Dragonerhelm hin, auf die selbstverständlich auch der Autor ausführlicheingegangen ist.( S. 48-50, 65, 68).
Diese Beziehungen sind also hinlänglich berücksichtigt und es ist dargelegt worden,daẞ wohl beide Tendenzen mit im Spiel sein dürften, aber nicht ausreichen, dasPhänomen restlos zu erklären. Vielmehr ist der Autor der Ansicht, daß die funktionellenStrebungen von„ Luxuration“ und„, Minuation", von Wucherung und Schwund, die beiallen Abkömmlingen der Bodenhaube wirksam sind, sich bei der Linzer Goldhaubegleichzeitig bemerkbar machen, aber ästhetisch ausgewogen erscheinen. Das ließihre besondere Form entstehen, wobei die modelnde Hand der vielzitierten ,, merchands
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