Hans- Georg Beck, Byzantinisches Lesebuch. 412 Seiten. C. H. Beck- Ver-lag, München 1982. DM 48,-.
Wer immer im heutigen Südosteuropa der verschiedensten Polit- und Gesell-schaftssysteme wandert, dem drängen sich, sobald er den lateinisch geprägtenVolksboden der Slowenen wie der Kroaten verläßt, in Fülle die Zeugen geistigenund kunstschaffenden Wirkens von Byzanz auf. Es gilt für den Theologen wie fürden Historiker, den Kunstwissenschafter und in vorerst noch zu wenig heraus-gestellter, aber schier unüberschaubarer Kraft der Auswirkungen- reichem Ma-Be gerade auch für den wandernd schauenden und erkennenden Volkskundler.Nicht nur das Geistliche einer religiösen Volkskunde, vielmehr auch Sprache,Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum, Bilderbe und Sagüberlieferungen mannigfachster Art sind von jenemdurch gut tausend Jahre bestehenden, seit 1453 noch ein weiteres halbes Jahrtau-send fort ,, lebenden“ Phänomen Byzanz bestimmt. Dies bei allen Südostvölkernslawischer, albanischer, rumänischer, verständlicherweise am stärksten griechi-scher Zunge. Die im späten 19. Jahrhundert gegründete, zumal in Wien und inMünchen durch bedeutende Gelehrte aufgebaute Wissenschaft der Byzantinistik,vermochte hier Erstaunliches zu leisten, für breitere Kreise allerdings durch diehohen Barrieren des Mittel- wie des Neugriechischen oft zu schwer zugänglich.Umso erfreulicher, wenn ein führender Byzantinist unserer Tage ein möglichstbreite Teile des„ Lebens" in Byzanz einbeziehendes„ Lesebuch“ mit Übersetzun-gen aus wichtigen Selbstzeugnissen von Byzanz zwischen der Spätantike und derGlaubensspaltung sowie dem zu späten Wiederannähern von Byzanz an den We-sten im Abendlicht seines Unterganges vorlegt. Immer aus den( genau zitierten)Primärquellen und den Übersetzungen, jeweils versehen mit knapper Charakteri-stik von Autor und Situation, moderner Editionen usw. Nun hatte Hans- GeorgBeck seine Art, Byzanz als ein vielschichtiges Phänomen( auch als Problem allzu-lange verkannter europäischer„ Randkultur“) zu sehen, in einer Vielzahl vonWerken vorgetragen:„ Kirche und theologische Literatur im byzantinischenReich", München 1959( 835 Seiten);„ Geschichte der byzantinischen Volkslitera-tur", München 1971( 233 Seiten); vgl. dazu Österr. Zs. f. Vkde XXV/ 4, 1971,S 356-358);„ Das byzantinische Jahrtausend", München 1978( 382 Seiten). Dazutreten zahlreiche Aufsätze und Abhandlungen, z. T. als Sitzungsberichte der Aka-demien zu München, Wien, Athen und London, manches auch gesammelt imBande„ Ideen und Realitäten in Byzanz“, London 1972( Variorum Reprints).Diese so viele Gebiete des kirchlichen, staatlichen, wirtschaftlichen und„ Verfas-sungen"( die es nicht kodifiziert gibt!) widerspiegelnden„ Lebens“ überschaubarzu machen, fällt bei der so sehr verschiedenartigen Quellenlage, was Dichte, Ge-wichtigkeit, Direktaussage, ironische oder satirische Paraphrasierung betrifft, garnicht leicht. So steht denn auch nicht„ Volkskundliches" in besonderer Blickschauund Darstellungsabsicht aufgrund der Quellenauswahl im Vordergrund. Dennochaber wird eben auch der Volkskundler reich belohnt, wenn er Byzanz an sich vor-überziehen sieht in vorsichtig- zeitnahe übersetzten Quellen zu den Sachgruppen,, Skizzen und Anekdoten aus den Historikern“,„ Die Krone und ihr Schatten",,, Politik und Verwaltung“,„ Der Literat“,„ Der epische Held"( mit vielen metri-schen Übersetzungen, etwa aus dem erzählmotivreichen Zyklus der Grenzkämp-fer- Epik um Digenis Akritas), um„ Leichte Literatur“ zwischen Geschäftsfreun-den, über„ hl. Narren"( saloi) usw., dazu über so beherrschende Seinsformen desfür allzu viele Voreingenommene allzu sehr mit Weihrauch erfüllten„ Lebens"
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