auf der Insel Saaremaa( Estland). Der Gebrauch der Sense und der der verschiede-nen Harfen hängen mitunter zusammen, denn das Getreide wird nicht in Garbengebunden, wenn es mit der Sense geschnitten wird. In Estland wurden die Trocken-gestelle( Harfen) früher benützt als im südlichen Teil des Baltikums. Oft bleiben dietraditionellen primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag primitiven Geräte neben den moderneren auch weiterhin inGebrauch. So findet beispielsweise der socha- Pflug beim Kartoffelanbau als Häu-felpflug Verwendung, während das Ackerfeld schon mit einem moderneren Pflugbestellt wird.
Der baltische Kulturraum teilt sich in einen östlichen und einen westlichen Teilauf. Die Landwirtschaft entwickelte sich schneller im nordwestlichen Teil Estlands,auf den estnischen Inseln sowie in den Küstengebieten Lettlands und Litauens. Umdie Mitte des 19. Jahrhunderts waren im Westen die Kurzstielsensen, im Osten dieSicheln vorherrschend- ebenso war es schon in der Zeit vom 10. bis 13. Jahrhun-dert. Bezeichnend für die Ostgebiete sind die Heusensenstiele mit einem Griff, derLochdreschflegel, die Worfschaufel, im Westen die Kappendreschflegel, die Sensen-stiele mit zwei Griffen, die Reinigung der Getreidekörner mit einem Sieb. Wir hät-ten es begrüßt, wenn die Verfasser die Eigenarten der livischen Landwirtschaft( Ver-bindung mit Saaremaa) deutlicher hervorgehoben hätten.
Nicht nur mit seinem Material, sondern auch mit seiner Methode fördert der Atlasdie europäischen volkskundlichen Forschungen in begrüßenswerter Weise undbeweist, daß die Volkskunde im Baltikum einer ausgeprägt klassischen Richtungfolgt. Die inhaltsvollen Karten liefern Informationen über die räumliche Verbrei-tung wesentlicher Kulturelemente. Von solchen Karten dürfte im vergangenen Jahr-hundert Fr. Ratzel geträumt haben. Alles, was die Karten schildern, wird im Kom-mentarband geschichtlich untermauert. In der vorzüglichen Bibliographie werdenauch die deutsch- und englischsprachigen Abhandlungen und Bücher angeführt, dieüber die Ethnographie des Baltikums geschrieben worden sind. Alle Mitarbeiter desAtlas und des Kommentarbandes hier aufzählen zu wollen, wäre ein Ding derUnmöglichkeit; wir finden in ihren Reihen die hervorragenden estnischen( A. Viires, L. Feoktistova, E. K. und I. I. Jaagosild), lettischen( S. J. Cimermanis,A. Dumpe, I. A. Leinasare) und litauischen( A. Vyšniauskaitė, P. Dunduliene,V. Milius) Ethnographen, die sich selbstverständlich auf frühere Arbeiten vonI. Manninen, G. Ränk, F. Linnus, E. Laid, H. Hagar, A. Bielenstein und anderengestützt haben. Am Zustandekommen des Atlas ist gar vieles drei russischen Kolle-gen( S. I. Bruk, M. G. Rabinovič, N. V. Schlygina) sowie dem EthnographischenInstitut der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion, den wissenschaftlichenAkademien der baltischen Staaten und dem Estnischen Ethnographischen Museum( Tartu) zu verdanken. Ich meine, im Hintergrund des Atlas den Geist von Yu. V.Bromlej und der inzwischen verstorbenen L. N. Terentieva zu erkennen, die derKultur der kleinen Völker Verständnis entgegenbrachten, sie in Ehre hielten undbestrebt waren, ihre Erforschung zu fördern.
Béla Gunda
Das Landesmuseum für Kärnten. Klagenfurt, Kärntner Druck- und Verlags- Ges.m. b. H., 1984, 239 Seiten mit ganzseitigen Schwarzweiß- und Farbtafeln.
Am 10. Juli 1984 beging das Landesmuseum für Kärnten die Feier seines 100jähri-gen Bestehens als Gesamtinstitution und in einem eigenen nach den Plänen von
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