Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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Der Norden ist böse!"

Zu einem Symbolik- Vorurteil des abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag  abendländischenMittelalters und seiner Nachfolge

Von Leopold Kretzenbacher

In memoriam Dr. h. c. Oloph Odenius, Stockholm 15. 7. 1987O Lucifer, qui mane oriebaris, imo non jam lucifer, sed noctifer, aut etiammortifer, rectus cursus tuus erat ab oriente ad meridiem, et tu praeposteroordine tendis ad aquilonem?

Bernhard von Clairvaux, Tractatus de gradibus superbiae, 2. Vierteld. 12. Jh.s

Der Norden ist böse!"

,, Die Welt der Antike fürchtete sichvor dem Norden als dem Finsteren, Kalten, Lebensfeindlichen, vonDämonen bedrohlich Erfüllten...". Gesehen aus der Lichtfüllegriechisch- römischer Mittelmeergestade sei dies ja wohl auch, nurzu verständlich. So und ähnlich trage ich es aus meiner Kindheitund dem, was man uns in den zwanziger Jahren dieses Jahrhundertsan klassischen Sprachen und humanistischer Bildung segenerfülltam damaligen österreichischen Gymnasium beigebracht hatte,noch immer in Erinnerung. Noch weiß ich es, wie uns ein hervorra-gender Gymnasiallehrer der klassischen Sprachen den Bedeutungs-wandel des altgriechischen Namens für den Nordwind, ẞogéac,im Attischen Bogoάs, auf späteren Windrosen als der grimmigeNordost so benannt, im Vorgang einer Personifikation des Nord-windes auf einen den Norden demnach auch beherrschendenDämon erklärte. Es war dies ein frühes Beispiel einer Art Ding-beseelung, auch wenn das später in der Volkskunde gernegebrauchte Wort dabei noch nicht gefallen war. Immerhin erschie-nen noch zu Ausgang der Antike, in der hellenistischen Zeit, die

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