Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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Insgesamt stellt das Buch von Wührl eine beachtliche Leistung dar, die auch dasInteresse der Volkskunde verdient.

Felix Karlinger

Hans Baumgartner( Hg.), Bairische Sagen. Oberbayern zwischen Chiemsee,Inn und Isar. Aufgezeichnet und hg. v.-(= Deutsche Sagen, Bd. 1), Kassel,Erich Röth Verlag, 1983, 106 Seiten.

In dem Raum zwischen Chiemsee, Inn und Isar, im sogenannten, WasserburgerLand", sammelte der Lehrer Hans Baumgartner in den letzten Jahren( Daten sindnicht angegeben) Volkserzählungstexte, von denen hier 165 abgedruckt wurden. Dieaus der mündlichen Überlieferung aufgezeichneten Erzählungen werden durch rund45 Texte aus der Literatur( Heimatblätter, Sagensammlungen) ergänzt. Dabei han-delt es sich freilich zum Teil um Volksglaubensberichte und um romantischeBeschreibungen( Nr. 19), die mit Sagen im engeren Sinne nichts gemein haben. Ineiner kurzen Einleitung beschreibt Baumgartner seine Sammelmethode, die sich alsdas erweist, was man heute teilnehmende Beobachtung" nennen würde. Insgesamt68 Gewährsleute haben zu dem vorliegenden Bändchen beigetragen, die meisten,wie nicht anders zu erwarten, mit drei oder vier Berichten, nur einer vermittelte überzwanzig Texte.

Bewundernswert ist das Vertrauen des Sammlers auf die orale Kontinuität seinerGewährsleute und ihrer Texte. Kaum einmal", schreibt Baumgartner, habe ichSagenwissen angetroffen, das aus Büchern oder Chroniken angelesen war." Undähnlich kühn behauptet Joachim Schwebe im Vorwort: Es gilt für die Erzählfor-schung als erwiesen, daß von gedruckten Märchen- oder Sagensammlungen einerstaunlich geringer Ein- und Rückfluß auf die lebende Erzähltradition auszugehenpflegte." Abgesehen davon, daß es keine Untersuchungen über diesen Rückkoppe-lungseffekt gibt, stimmt dies noch nicht einmal für analphabetische Erzähler aus Ost-europa, die nachgewiesenermaßen Märchen und Erzählungen aus populären Druk-ken der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wiedergeben. In dieser pauschalenWeise läßt sich diese Behauptung jedenfalls nicht halten; sie setzt außerdem eineprofunde Kenntnis der Erzähltypen bzw.-motive voraus, die den regionalen Fundusweit übersteigt. Die noch am ehesten authentisch wirkenden Erzählungen dieserSammlung sind Memorate und Erlebnissagen sowie oikotypische Versionen, die aufder Erinnerung oder persönlichen, meist numinosen Erlebnissen der Gewährsperso-nen beruhen und mit der heimatlichen Umgebung verknüpft sind. Hier bringt derHerausgeber einige reizvolle Motive, die sich z. B. um den Geisterpfarrhof zu Wangdrehen. Neben einer großen Anzahl Historischer Sagen" werden im wesentlichenSagen von Spukorten und Spukerscheinungen, Hexen und Teufelssagen sowie regio-nale Dämonengestalten, wie der Bockreiter, eine Art Korndämon, und Frevelsagen( Wiedergänger) referiert. Daneben bringt Baumgartner eine Reihe von Berichtenüber Heiler und Heilanweisungen sowie Segenssprüche( Drei Jungfrauensegen Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfrauensegen), diedie Aktualität des Besprechens in der Gegenwart belegen.

Vielen dieser hier gesammelten Texte, deren Authentizität nicht angezweifeltwerden soll, fehlt das, was eine Erzählung zur Sage macht, der epische Gehalt, wasder Herausgeber selbst feststellen muß. Oft sind es nur Vorgangsbeschreibungen,Volksglaubensberichte und halbwissenschaftliche Darstellungen, eben das, was derHerausgeber anprangert, Texte, die aus der Rolle des volkskundlich Belehrendenheraus geschrieben sind.

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