Franz Wirleitner 90 Jahre
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In Bruck an der Glocknerstraße feierte Direktori. R. Reg.- Rat Ing. Franz Wirleit-ner am 23. März 1987 in aller Frische seinen 90. Geburtstag. Der bäuerlicher Her-kunft entstammende Niederösterreicher aus St. Michael am Bruckbach besuchte von1913 bis 1915 die landwirtschaftliche Fachschule in Tulln, von 1915 bis 1920 diehöhere landwirtschaftliche Lehranstalt Francisco Josephinum in Mödling- unter-brochen durch Kriegsdienstleistung mit Offiziersausbildung und 1921/22 dieHochschule für Bodenkultur in Wien. Während der letzten beiden Jahre war erzusätzlich in Weigelsdorf/ NÖ. und anschließend 18 Jahre lang an der Landwirt-schaftsschule Winklhof in Oberalm bei Hallein als Fachlehrer tätig. Mit Unterbre-chungen während der Kriegszeit arbeitete er bis zur Pensionierung 1959 als Direktorder Landwirtschafts- und Hauswirtschaftsschule in Bruck an der Glocknerstraße.
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Neben seinen vielfältigen beruflichen Aufgaben als Pädagoge beschäftigte er sichbevorzugterweise mit der mündlichen Überlieferung. Darin konnte er die genera-tionsweisen Änderungen besonders registrieren; es finde sich immer nur eine zeitli-che Fassung der im Gedächtnis haftenden geistigen Überlieferung, denn die inMundart und Volkspoesie enthaltenen Schätze würden nur gelegentlich zum Aus-druck gebracht werden. Dabei erleide die Mundart nicht, wie man eigentlich anneh-men könnte, durch den Einfluß des Fremdenverkehrs schwerste Einbußen, sonderninfolge der Technisierung vieler Arbeitsvorgänge in Haus und Hof und der damitverbundenen Übernahme von Fachausdrücken aus dem allgemeinen Wirtschaftsle-ben. Daher dokumentierte er neben allgemeinen Mundartausdrücken in seinerumfangreichen Sammlung bevorzugt Gerätekunde und Arbeitsvorgänge, widmetesich dem mit der bäuerlichen Arbeit verbundenen Lebens- und Jahresbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Jahresbrauchtum,konnte Belege zu Volkspoesie und Volksdichtung zusammenstellen und erkundeteneben der Volksbotanik auch volksmedizinische Heilmittel und überlieferte Volks-methoden zur Anwendung bei Mensch und Nutztier.
Über seine landes-, heimat- und kulturgeschichtliche Sammel- und Forschungstä-tigkeit berichtete er in unzähligen Vorträgen. Teils konnte er seine Ergebnisse auchin mehreren Publikationen vorlegen, wobei naturgemäß die landwirtschaftlichenFachzeitschriften mit Schwerpunkt auf dem Gebiet der Vieh- und Milchwirtschaft zuerwähnen sind, und anderseits der Salzburger Bauernkalender seit dem Jahrgang1925 bis heute laufend Beiträge von Wirleitner enthält. Besonders hervorgehobenzu werden verdient seine Monographie„ Die Bauernkost im Lande Salzburg. Einevolkskundliche Betrachtung"( Salzburg 1951). Es handelt sich dabei keineswegs umein Kochbuch mit detaillierten Anleitungen für die Zubereitung bestimmter Speisen,sondern stellt erstmals die allgemeinen Umstände und Gegebenheiten rund um dasEssen ländlicher Menschen in Geschichte und Gegenwart in den Mittelpunkt derBetrachtung: beginnend bei den verschiedenen Essenszeiten und dem jahreszeitli-chen Wechsel der Nahrungsmittel über die mannigfach verwendeten Zubereitungs-und Konservierungsmethoden bis zur rangmäßigen Sitzordnung bei Tisch und demWechsel der Speisenfolgen.
In einer Zeit des Umbruchs und Schwindens überkommener Werte hat sich derverehrte Jubilar gleichermaßen im Beruf, im Rahmen der Erwachsenenbildung undin der Forschung mit bewundernswürdigem Erfolg eingesetzt für eine Erziehung zursowie einer Erhaltung der Tradition im Sinne zu fördernder Identifikation mit Kul-tur und Geschichte der Heimat. Möge ihm noch die Erfüllung seiner Pläne beschie-den sein!Michael Martischnig
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