Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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Chronik der Volkskunde

Sonderausstellung, Musik und Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum der Weihnachtszeit in Tirol"Rede anläßlich der Eröffnung im Österreichischen Museum für Volkskunde

am 30. November 1986

Beim Kunsthistoriker Otto Pecht habe ich gelesen, daß auch für die großen Künst-ler gelte: Auch wenn sie die Fesseln einer Tradition sprengen, so gelingt ihnen dasnicht etwa darum, weil sie traditionsunbelasteter wären, sondern im Gegenteil, weilsie tiefer und universaler traditionsverhaftet sind."

Ohne eine Theorie aufstellen zu wollen, möchte ich behaupten, daß dieser Satz imbesonderen für Tirol gilt, das viele große Künstler hervorgebracht hat und hervor-bringt, denen es in diesem Sinne gelungen ist, gerade wegen ihres Traditionsverhaf-tetseins Traditionen zu sprengen. Denken Sie nur an Paul Flora oder Max Weiler.

Es brauchte einen aus der Avantgarde des ausgehenden 20. Jahrhunderts, denVordenker und Aktionisten Josef Beuys, um auszudrücken, was ein Volk, das ver-bunden ist mit der Natur und aus einem religiösen Bewußtsein lebt, immer schongewußt hat, daß nämlich jeder Mensch ein Künstler ist. Das Volk von Tirol hat offen-bar jenseits der Unkultur der Massenproduktion und der Passivität der TV- Gesell-schaft immer noch die Kraft, sein sehr persönliches und mit einer ganz spezifischenSignatur versehenes Kunstwollen in der Pflege des überkommenen Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtums aus-zudrücken und darüber hinaus auch neue Brauchtumsformen Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtumsformen zu entwickeln, wie dasAdvent- und Sternsingen oder der Christkindleinzug, um nur Weihnachtsbräuchezu erwähnen.

Ohne Zweifel ist diese stilistische Einheitlichkeit des Tiroler Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtums mit sei-ner fröhlichen Herbheit und seiner erstaunlichen Ausdruckskraft der Einheit einesreligiösen Bewußtseins zuzuschreiben. Kein Wunder also, daß sich Phantasie undGestaltungswille besonders an jenen großen Festen entzünden, dem sich im Grundeniemand entziehen kann und will, ganz gleichgültig, ob er das Geschehen, das imMittelpunkt der Weihnacht steht, annimmt oder nicht. In seiner menschlichenSchlichtheit und Verletzbarkeit, in seiner Zärtlichkeit und hoffnungsspendendenFreude geht es jeden Menschen an. Und daher ist die Geburt Christi auch einThema, das zu allen Zeiten von den künstlerisch Begabten geliebt und bearbeitetwurde. Ihr Werk, hinter dem die Künstler aus dem Volk stets zurückgetreten sind,soll uns helfen, uns in der Vorahnung auf das große Ereignis einzustimmen und vor-zubereiten, sowie es die liturgischen Texte im Advent tun.

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